Prechtige Geschäfte auf YouTube

Angefangen hat alles mit einem Vortrag von Richard David Precht beim Caritaskongress 2016 in Berlin. Der Philosoph fesselte mit seinem Blick auf die Digitale Revolution nicht nur die Menschen im Saal, sondern auch die Besucher unseres YouTube-Kanals. Dort hatten wir als Doku des Kongresses einen Mitschnitt des Vortrags hochgeladen. „Business as usual” – dachten wir. Doch weit gefehlt.

Als wir uns in der Online-Redaktion noch über die (für unsere Verhältnisse) tollen Zugriffszahlen freuten (5.300 Aufrufe innerhalb von zwei Tagen), nahm das Ganze eine unerwartete Wende. Prechts Referentenagentur meldete sich und bat uns, das Video zu löschen. Laut Vertrag hätten wir nur für wenige Tage kurze Ausschnitte des Vortrags online stellen dürfen. Schweren Herzens deaktivierten wir das Video bei YouTube – und werden es seither nicht mehr los.

Manche Kanalbetreiber spielen die Rolle der Unwissenden

Screeshot Video Precht

Spuren verwischen: Manche Kanalbetreiber verfremden das Video um dessen Herkunft zu verbergen.

Denn plötzlich tauchten Kopien in anderen YouTube-Kanälen auf. Auch das nichts Neues für uns Onliner. Eine freundliche Nachricht an die Kanal-Verantwortlichen reicht in der Regel, und solche „versehentlichen” Urheberrechtsverstöße verschwinden aus dem Netz. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel und so lernten wir die „Melden”-Funktion von YouTube kennen: Ein standardisiertes Verfahren für Rechteinhaber, das dazu dient der Plattform zu bestätigen, dass (m)ein Video unerlaubterweise erneut hochgeladen wurde. Nach einer erfolgreichen Prüfung deaktiviert YouTube das Video – und begrenzt gleichzeitig die Nutzung des Kanals. Was für einige Kanalbetreiber offensichtlich schmerzvoll war. „Weil das Video an anderer Stelle schon online war, dachte ich, das geht in Ordnung, wenn ich es auch hochlade.” So und ähnlich begannen die Mails, in denen wir gebeten wurden, den „Copy-Strike“ zurückzunehmen – was wir anfangs taten, nachdem uns zugesichert wurde, dass das Video „für immer aus meinem Kanal entfernt wird”. Wie naiv wir doch waren …

Altruistische oder kommerzielle Motive – dem Urheberrecht ist das egal

Screenshot eines Precht-Videos

Zugeballert mit Werbung: Dieser Kanalbetreiber surft unerlaubterweise auf der Welle der Precht’schen Popularität .

Wir mussten lernen, dass „für immer“ ein relativer Begriff zu sein scheint, und die „rein altruistischen und sinnstiftenden Gründe für das Veröffentlichen der Precht Videos” bei manchen Kanalbetreibern offensichtlich in die Kategorie „alternative Fakten” einzuordnen sind. Erst kürzlich ließen wir eine Version des Videos löschen, das 1,7 Millionen Views hatte – und das mit YouTube-Anzeigen garniert war. Wer mag, kann sich schlau machen, welche Beträge der Kanalbetreiber damit wohl „erwirtschaftet“ hat. Hinzu kommt, dass manche den Erfolg des Videos nutzen und in dessen Beschreibung unter anderem auf fremdenfeindliche Webseiten verlinken. Andere legen einen grafischen Filter über das Video, schneiden einzelne Passagen heraus oder spiegeln das Bild, damit die Herkunft nicht zu offensichtlich ist.

Paradoxerweise schreiben uns kurz nach Sperrungen des Videos immer wieder Personen, die sich darüber erregen, „dass ein Wohlfahrtsverband Ressourcen dafür einsetzt, das im Vortrag vermittelte Wissen der Bevölkerung unzugänglich zu machen“. So ein „materialistischer Umgang mit Wissen” stehe einer Hilfsorganisation ganz schlecht zu Gesicht, schreibt ein User. Ganz ehrlich: Wir würden liebend gerne auf den Kampf gegen diese vielköpfige Hydra verzichten und unsere – in der Tat knappen – Ressourcen anderweitig einsetzen.

PS: Wer dennoch ein bisschen Precht im Caritaskontext anschauen möchte, dem empfehlen wir dieses Video. Laut Userin Annette handelt es sich dabei allerdings um ein „vergleichsweise irrelevantes Interview”. Entscheidet selbst. Tatsache ist: An dem Video haben wir alle Rechte ;-).

5 Comments

  1. Wie ärgerlich. Aber es geht ja auch um den Schutz des „Geschäftsmodells“ von R. D. Precht. Auch wenn dieses inhaltlich etwas anderes vermuten lassen müsste: Wenn es ums Geld geht, gilt halt immer noch der Version 1.0. 😉

  2. Finde es gut und wichtig, diese „Stolperfallen“ für alle transparent zu machen und damit zu verhindern, dass es Kollegen womöglich ähnlich ergeht. Danke.

  3. Huhu mich würde es interessieren, wie viel die Agentur den verlangen würde, bzw. wie man diese Agentur finden kann um den Vortrag frei zugänglich zu machen, die resonaz im Netz war so groß für freie Bildung das wäre doch super.

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