Serie: Caritas und der Digitale Wandel – Teil 1

Teil 1: Die Caritas als Anwältin im Digtalen Wandel

Spricht man mit Fachleuten über den Digitalen Wandel, dann hört man regelmäßig das Wort „Revolution“. Egal, ob Wissenschaftler(innen), Medien, Politiker(innen), Gewerkschafter(innen): Geht es um die aktuellen Umbrüche, die die Digitalisierung auslöst, wird als Maßstab durchweg die Industrielle Revolution herangezogen, bisweilen auch der Epochenbruch, den der Buchdruck ausgelöst hat oder der Wandel von der Jäger- und Sammler-Kultur zum Ackerbau.

Die Revolution betrifft unter anderem die Arbeitswelt, den Sozialstaat, die Bürgerrechte, das leitende Menschenbild und die Werte, an denen wir uns orientieren.

Nun steht das Thema Digitaler Wandel allerdings nicht so recht auf der Tagesordnung der Caritas.

Die ist

  • Anwältin,
  • Dienstleisterin und
  • Solidaritätsstifterin.

Wir wollen die Gesellschaft mitgestalten, Chancen des Wandels nutzen, Risiken benennen und bekämpfen. Deshalb müssen wir den Digitalen Wandel auf die Agenda nehmen und zur Chefsache machen.

In diesem und zwei weiteren Beiträgen (Teil2 – Caritas ist als Dienstleisterin gefragt; Teil 3 – Caritas als Solidaritätsstifterin im digitalen Wandel) möchte ich mit einigen Spots belegen, weshalb der Digitale Wandel uns im Innersten berührt.

Caritas ist als Anwältin gefragt

Gewinner und Verlierer in der neuen Arbeitswelt

Die Arbeitswelt bricht um. Die zunehmende Automatisierung, das Internet der Dinge, die „Industrie 4.0“ haben zur Konsequenz, dass sich Anforderungen an die Mitarbeitenden verändern (heißt: die Profile werden anspruchsvoller), Berufe verschwinden, Branchen umgekrempelt werden. In den USA hat der Prozess begonnen, Europa wird bald nachziehen. Worum es geht, haben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in „The Second Machine-Age“ beschrieben. Das Buch ist spannend wie ein Krimi.

Noch sind wir in einer frühen Phase der Revolution; viele Entwicklungen sind noch nicht entschieden (vergl Laudenbach / Heuer 2015). Einigkeit besteht jedoch in der Erwartung, dass Berufe und Arbeitsplätze verschwinden werden. Ob sie durch andere, neue Aufgaben ersetzt werden, ist noch unklar.

Relativ einig sind sich die Experten, dass „Arbeit“ neu definiert wird. Damit wird unser Menschenbild zutiefst berührt, denn vieles, was bisher eine menschliche Kompetenz war, kann nun eine Maschine. Sinn definieren wir bislang maßgeblich über Arbeit, Teilhabe ebenfalls. Demnächst vielleicht nicht mehr, weil es für viele Menschen keine Arbeit mehr gibt.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Amerikanische Wissenschaftler haben eine lange Liste von bedrohten und sicheren Berufen aufgestellt (die es sogar bis in die „BILD am Sonntag“ geschafft hat). Für den deutschen Arbeitsmarkt hat eine Bank die Folgen der Automatisierung untersucht.

Sichere Verlierer sind die Geringqualifizierten, die ihre Jobs an Roboter und hochspezialisierte Computersysteme verlieren werden. Frühere und bessere Bildung wird das Problem für die jungen Menschen nicht lösen, die durch die neuen Anforderungsprofile schlicht überfordert sind. Wo bleibt diese Gruppe, die nicht ganz klein sein wird?

Der Verlust von Arbeitsplätzen durch den stetig steigenden Einsatz von Robotern und intelligenten Systemen hat in den USA bereits jetzt viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gekostet. Werden wir uns in Deutschland und in Europa ebenfalls auf ein Szenario einstellen müssen, das unser Sozialsystem durch den Digitalen Wandel weiter unter erheblichen Druck setzt? Vielleicht nicht – aber wir sollten die Entwicklung sorgfältig beobachten, um Position zu beziehen, wenn die Tendenzen klarer werden.

Dass die Veränderungen der Arbeitswelt auch die Caritas als Arbeitgeber betreffen, sei hier nur am Rande erwähnt – etwas ausführlicher gehe ich darauf im 2. Teil zum Digitalen Wandel ein und verweise bereits hier auf den Blog-Beitrag „Die Risiken des Wandels der Arbeitswelt für Organisationen der Sozialwirtschaft“ von Hendrik Epe, der diesen Aspekt prägnant analysiert beschrieben hat.

Digitalisierung erfordert Kompetenz

Die digitalisierte Arbeits- und Lebenswelt fordert hohe technische Kompetenzen, hohe Flexibilität. Wir sind mit Bildungsprogrammen in vielfältiger Weise involviert; von der Kita bis zur Schulsozialarbeit.

Gibt es aus dem anerkannt innovativen und fortschrittlichen katholischen KiTa-Bereich entsprechende Konzeptentwicklungen zur frühkindlichen Bildung? Falls nicht, mit guten Gründen oder weil die Herausforderung noch nicht gesehen wird? Können wir neben die permanente (Nützlichkeits-)Forderung nach qualifizierten MINT-Schüler(inne)n und -Studierenden andere Sinn- und Berufsperspektiven setzen (MINT: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)?

Und nochmal die Frage: Was geschieht mit den Verlierern?

Digitale Kluft und (un)professionelle Ressentiments

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) unterstreicht in einem lesenswerten Positionspapier, dass digitale Medien Teilhabe ermöglichen – aber nicht für alle Jugendliche gleich. Auch hier sind es „privilegierte Jugendliche“, die die Chancen nutzen. Benachteiligte junge Menschen brauchen Unterstützung (S.6). Wie muss diese Unterstützung gestaltet sein?

Um Unterstützung zur Überbrückung der digitalen Kluft bieten zu können, braucht es kompetente Begleiter(innen). Diese Kompetenz wird durch eigene professionelle Qualifizierung erworben. Zuerst geht es dabei, so die AGJ, um eine „Haltungsfrage“ (S.9), die die eigenen „Verunsicherungen und Vorurteile“ reflektiert und „jugendliche Expertise … nicht als Bedrohung der eigenen Kompetenz, sondern als Bereicherung … integriert.“

Dieser Ansatz ist hilfreich – und zugleich anspruchsvoll in der Umsetzung. Gibt es Orte des Erfahrungsaustausches, auch über die Grenzen des Arbeitsfeldes Kinder- und Jugendhilfe hinaus? Die Facebook-Gruppe Caritas 4.0 bietet sich an, ist mit rund 200 Mitgliedern (Stand 27.8.2015) aber in der Reichweite begrenzt.

Anwältin der Digital Immigrants und Exilierten?

Digitalisierung bedeutet auch, den alltäglichen Umgang mit den Medien zu beherrschen. Die Welt vermittelt sich zunehmend über digitale Kanäle, die Kommunikation unterliegt eigenen Paradigmen, die nur schwierig oder gar nicht ins Analoge zu übertragen sind.

Damit geht ein Riss durch die Generationen: Die „Digital Natives“ beherrschen das Terrain nicht nur, sie definieren es. Die „Digital Immigrants“ nutzen die Medien, fühlen sich oft überfordert oder beharren auf (und in) ihrer Lebenswelt, in der analoge und digitale Räume getrennt sind. Völlig außen vor, abgehängt, bleibt die Gruppe der (insbesondere alten und sehr alten) Menschen, die keine Wanderung zwischen den Welten mehr auf sich nehmen wollen und digital ausgeschlossen sind. Das ist ihr gutes Recht. Mit der Konsequenz, dass der Hinweis des Tagesschau-Sprechers auf „Weitere Hinweise unter tagesschau.de“ Ärger, Unverständnis und das Gefühl des Ausgeschlossenseins hinterlässt.

Wie wird das in der Demografieinitiative aufgenommen? Steht die Caritas an der Seite der „digitalen Ausländer“? (Oder, böser Gedanke – nehmen wir diese Situation gar nicht als besonders, sondern als „normal“ wahr, weil wir uns selbst der Digitalisierung verschließen oder nur skeptisch öffnen, quasi als Zwangsexilierte? – Wenn das so ist, …)

Mitgestaltung braucht kompetente Mit- und Vordenker

Wenn wir Anwalt sein wollen, müssen wir die grundlegenden Mechanismen verstehen, die im Moment und zukünftig wirken. Wir müssen wissen, wie die Kommunikationsregeln sich verändern und die neuen funktionieren, müssen sie beherrschen. Auch an dieser Stelle möchte ich nochmal auf das kluge AGJ-Papier verweisen.

Der Digitale Wandel hat auch Auswirkungen auf unsere Aufgaben als Dienstleisterin und Solidaritätsstifterin. Mehr dazu in den folgenden beiden Beiträgen, die hier demnächst veröffentlicht werden.

Roland Knillmann – Der Autor ist Pressesprecher für den Caritasverband für die Diözese Osnabrück e. V.

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2 Comments

  1. Da klingt aber eine ganze Menge „Kulturpessimismus“ mit @Roland Knillmann ;-). Ganz so bedrohlich ist der digitale Wandel sicher nicht – und: man kann nicht „dagegen“ oder „dafür“ sein. Der Wandel vollzieht sich im Geschehen und Vollzug durch die, die die Möglichkeiten neuer Technologien nutzen. Und das machen sie in der Regel wohl deshalb, weil sie irgendeinen Nutzen davon haben. Gäbe es diesen nicht (die apple watch ist hier meines Erachtens nach ein gutes Beispiel 😉 ) – erledigt sich die Sache von selbst. Von daher: inhaltlich bin ich bei Dir – aber in der Summe deutlich optimistischer was die Chancen – auch und gerade für uns in der Caritas – angeht!

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