Drei Jahre caritas.next mit Matthias Hild
Wenn Matthias Hild von der digitalen Transformation bei der Caritas redet, dann klingt das nicht nach Pitchdeck oder Strategiepapier. Es klingt eher nach: Leute, hört bitte genau zu.
Matthias war seit Dezember 2022 im Digitalteam des Deutschen Caritasverbandes dabei. Erst als jemand, der eine Machbarkeitsstudie schrieb. Dann als jemand, der half, aus einer Idee ein echtes Team zu machen. Dann als jemand, der mit diesem Team ein digitales Produkt in die Fläche bringen sollte. Jetzt zieht er weiter und nimmt viel Wissen und Erfahrung mit. Wir haben mit ihm über diese drei Jahre gesprochen: Was gut lief. Was weh tat. Und was jetzt wichtig wird.

Matthias Hild im Gespräch mit Caritas Digital
Wie caritas.next überhaupt entstanden ist
Am Anfang stand da gar nicht caritas.next, sondern eine relativ klassische Idee: ein Digitalfonds. Die Überlegung damals war: Überall im Verband entstehen gute Projekte, die wissen nur nicht voneinander. Darum erfinden sie die gleiche Lösung zweimal. Darum kooperieren sie nicht und verschwenden knappe Ressourcen. Ein Topf Geld ist ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit zu ziehen.
Als Matthias Ende 2022 anfängt, bekommt er vom Caritasrat den Auftrag, eine Machbarkeitsstudie zur Idee Digitalfonds für den DCV durchzuführen.
Er sagte nicht sofort „Klar, machen wir den Fonds“, sondern stellt erst mal ein paar grundlegendere Fragen: Woran arbeiten die Leute gerade wirklich? Wo tut es richtig weh? Und was hindert uns eigentlich daran, digital besser zu werden?
Dafür telefoniert er und spricht mit Vorständen, Mitarbeitenden, Leuten aus der Fläche, auch außerhalb der klassischen Hierarchie. Und ziemlich schnell stellt sich raus: Das Problem ist gar nicht nur Geld. Es fehlt noch etwas anderes. Matthias beschreibt es so:
„Wir haben Leute, die IT können. Wir haben Leute, die Recht können. Wir haben Leute, die Förderanträge schreiben können. Aber diese verbindende Rolle – Produktentwicklung, Übersetzen, Priorisieren, Testen – die gibt es in der verbandlichen Caritas fast gar nicht.“
Also nicht „Wir brauchen einfach mehr Budget“, sondern: Wir brauchen eine Struktur, in der Menschen genau diese Rolle professionell ausfüllen. Das ist der Moment, in dem die Idee caritas.next eigentlich geboren wird: ein kleines Team mit neuen Kompetenzprofilen, das Bedarfe aus dem Verband einsammelt, versteht, und sortiert.
Im Juni 2023 beschließt der Caritasrat einstimmig (!) den Aufbau dieses Teams. „Das war schon ein besonderer Moment und keinesfalls selbstverständlich“, sagt Matthias heute. „Da wurde nicht nur ein Projekt beschlossen, da wurden Stellen beschlossen.“

2024: Das Team caritas.next startet gemeinsam. V.l.n.r.: Johanna Koetter, Matthias Hild, Robert Dürhager, Rüdiger Dreier
Und dann ging alles schneller als gedacht
Eigentlich war caritas.next dafür gedacht, erst mal zuzuhören. Reinzugehen in die Suchfelder („Menschen, die in finanzieller Not sind”, „Menschen, die Eltern sind oder Eltern werden” und „Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter führen möchten”), herauszufinden: Wo hängt’s? Welche digitalen Lösungen gibt es schon irgendwo? Was fehlt?
„Wir wurden angestellt, um Bedarfe zu sammeln und sichtbar zu machen“, sagt Matthias. „Das war Stufe 1.“
Diese Stufe hat aber nicht so lange gedauert wie ursprünglich geplant, denn schnell kam aus Richtung Gremien und Verband etwas anderes: Bitte zeigt uns etwas Konkretes. Etwas, das läuft. Etwas, das wir herzeigen können. Und zwar eher gestern als morgen.
Also weg von „wir hören mal zu“ – hin zu „stellt was an die Rampe“. Also hat caritas.next den Modus gewechselt. Die richtigen Kompetenzen für die Produktentwicklung bringt das Team mit.
Dieses erste Projekt war ein KI-Chat, der Menschen mit finanziellen Sorgen niedrigschwellig Antworten gibt und Orientierung bietet. Das Team hat sich dort nicht einfach „mit angeguckt“, was der DiCV Köln macht. Es ist richtig reingegangen.
Das heißt ganz praktisch:
- Anforderungen und Prioritäten mit allen Beteiligten klären („Was muss der Chat wirklich können?“)
- Fachliche Anforderungen an die beauftragten technischen Agenturen vermitteln und zurück
- Alle Informationen und Entscheidungen für die enge Taktung von Sprints rechtzeigt sicherstellen
- Tests mit echten Nutzer:innen organisieren
- Datenschutzkonzept miterarbeiten
- Mit Köln und anderen Verbänden abstimmen, wer was verantwortet
Wer in der Caritas schon mal „Digitalisierung“ gehört hat, weiß: Das läuft nicht immer so.
Matthias sagt rückblickend:
„Damit ist sichtbar geworden, dass diese Rolle – Produktentwicklung als Beruf – im Verband einfach fehlt. Und dass caritas.next sie übernehmen kann.“

Matthias Hild lässt mit uns die letzten drei Jahre bei der Caritas Revue passieren, bevor er ein letztes Mal seinen Laptop zuklappt.
Was caritas.next in diesen drei Jahren verändert hat
Wenn man die Zeit mit Matthias durchgeht, tauchen drei Dinge immer wieder auf:
- Geschwindigkeit.
Das Team hat in ein paar Monaten Dinge auf die Füße gestellt, für die man in der Caritas normalerweise sehr viel länger ansetzt. „Wir haben in der Hälfte der Zeit geliefert, was sonst doppelt so lange dauert. Das beschreibt ziemlich gut den Druck, unter dem das Team mitunter stand: hohe Erwartungen, wenig Ressourcen.” - Ein anderes Arbeiten mit Vorständen.
caritas.next hat Leitungsgremien nicht einfach nur informiert, sondern aktiv begleitet – auch mit klaren Hypothesen, Herausfordern, Einordnen. Nicht alles war bequem. „Ich habe auch schonmal klar gesagt: Ich denke nicht, dass diese Aussage eines Vorstands richtig ist“, erzählt Matthias. Diese Rolle, Vorstand und Verband freundlich, aber ehrlich zu spiegeln, war für viele ungewohnt und doch sehr wertvoll. - Ein neuer Zugang nach außen.
Das Team hat angefangen, mit Start-ups zu netzwerken – aber nicht mit der Idee „wir kaufen was Fertiges“, sondern als „wir definieren unser Problem, und ihr baut mit uns mit“ (Stichwort „Venture Clienting“). Das ist für Wohlfahrt untypisch. Für die Caritas ist es eine Chance: schneller werden, ohne Entwicklung und den späteren Betrieb selbst stemmen zu müssen.
Die einfache Übersetzung davon lautet: caritas.next hat die Caritas ein Stück näher an die Art gebracht, wie moderne Produktteams arbeiten – und gleichzeitig versucht, diese Logik in Caritas-Sprache übersetzbar zu machen.
Wo es hakt (immer noch)…
Man landet mit Matthias sehr schnell bei Strukturen. Nicht bei „die Leute wollen nicht“, sondern bei „das System macht es schwierig“.
Er beobachtet vor allem drei Dinge:
- Förderlogik statt echter Verantwortung.
Viele digitale Projekte starten über Fördermittel. Das klingt gut („Wir haben das Geld bekommen“), führt aber zu einem Muster: Eine engagierte Person in einem Verband entdeckt ein Problem, schreibt einen Antrag, bekommt das Projekt – und ist plötzlich verantwortlich für ein digitales Produkt. Obwohl sie eigentlich Schuldnerberatung macht. Oder Pflege organisiert. Oder irgendwas anderes, das nichts mit digitaler Produktentwicklung zu tun hat. Matthias beschreibt es so: „In der Caritas lässt man bei Digitalisierung oft einfach alle drauflos. Das Problem ist: Produktentwicklung ist ein Beruf, nicht ein Ehrenamt.“ - Lokale Abhängigkeiten.
Selbst wenn etwas funktioniert, hängt es oft an einer einzelnen Person oder einem einzelnen Standort. Soll es dann größer werden, steht sofort die Frage im Raum: Wer gibt das frei? Wer kontrolliert die Daten? Wer hat Mitsprache? Wenn Governance, Finanzierung, Betrieb nicht geklärt ist, findet man sich oft in vielen, ressourcenfressenden Schleifen wieder. - Keine dauerhafte Struktur.
Im Moment ist nicht klar: Wo liegt diese Kompetenz eigentlich fest verankert? Also wer ist in Zukunft offiziell zuständig für „Wir hören Bedarfe, wir übersetzen sie, wir bauen Lösungen, wir bringen sie in den Verband“? Genau das ist der Raum, in dem Matthias caritas.next sieht – nicht als „Projekt“, sondern als dauerhafte Funktion des DCV.
Matthias ist da unmissverständlich: „Das hier ist überlebensnotwendig.” Und mit „das hier“ meint er nicht das eine Produkt. Er meint die Fähigkeit des Verbandes, digital angebots- und leistungsfähig zu werden, ohne jedes Mal bei null anzufangen.
Matthias’ Wunsch an caritas.next – und an den Verband
Zum Schluss haben wir Matthias gefragt, was er sich wünscht, wenn wir ihn 2027 wieder treffen. Er muss nicht lange überlegen.
Matthias wünscht sich vor allem eine feste Struktur. Damit meint er zum Beispiel die geplante Genossenschaft, in der Verbände bewusst zusammen investieren – nicht als Symbol nach dem Motto „wir sind dabei“, sondern weil klar ist: Ohne diese Kompetenz sind wir in ein paar Jahren nicht mehr konkurrenzfähig in unseren eigenen Feldern.
Außerdem liegt ihm die Präsenz außerhalb der eigenen Bubble am Herzen. Matthias sagt sehr direkt: „Die Caritas darf nicht nur im eigenen System über Digitalisierung reden. Sie muss dahin, wo gerade wirklich Zukunftsbau passiert – zum Beispiel rund um KI-Ökosysteme.”
Und dann sagt er noch etwas, das ziemlich gut als Schluss stehen bleiben kann: „Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann nicht mehr erklären müssen, warum Produktentwicklung Fachlichkeit ist. Sondern dass es in der Caritas so normal ist wie Pflege-Fachlichkeit oder Jugendhilfe-Fachlichkeit.“
Das ist vielleicht der Kern. caritas.next bleibt. Matthias geht. Aber sein Echo bleibt.

Danke für das Interview und für die spannenden Jahre mit Dir, lieber Matthias!