Facebook NGO-Tag 2019: Wie steht’s um die Gemeinnützigkeit bei Instagram, WhatsApp und Co.?

Massenbewegungen mit WhatsApp, aktuelle Nutzerzahlen und mangelnde Transparenz im Umgang mit gemeinnützigen Vereinen: Wie Caritas-Social-Media-Redakteur Martin Herceg den Facebook NGO-Tag 2019 in Berlin erlebt hat.

Das Setting:

Zum zweiten Mal hat Facebook deutsche Nonprofits nach Berlin eingeladen. In Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen, dem Deutschen Fundraising Verband und Betterplace werden unter anderem Workshops zu Cyber Security, Facebook-Gruppen und Marketing für NGOs angeboten, am Abend gibt es dann noch die Verleihung der Smart-Hero-Awards. Das ganze findet im hippen Haus Ungarn an der Karl-Liebknecht-Straße im Schatten des Fernsehturms statt, ist für die etwa 300 Teilnehmenden gratis und funktioniert bei der Anmeldung nach dem Prinzip first come – first serve, was dazu führt, dass das Publikum extrem heterogen ist.

Das Publikum:

Die ehrenamtliche Mitarbeiterin einer Münchner Reptilienauffangstation und der Social-Media-Manager von Change.org stehen während der Eröffnungsrede von Staatssekretärin Sawsan Chebli neben Aktivisten, die den Hambacher Forst gerettet haben. Die heterogene Mischung führt zu spannenden Begegnungen und Gesprächen in den Pausen – aber auch dazu, dass die vier von mir besuchten Sessions inhaltlich meist nur an der Oberfläche kratzen. Die Diskussionen und Gespräche bewegen sich auf einem ordentlichen Grundniveau, das allerdings bei weitem nicht vergleichbar ist mit Branchenmeetings von Social-Media-Managern gewerblicher Fanpages.

So sieht es aus, wenn Moritz Kalis WhatsApp auf seinem Handy öffnet. Foto: M. Herceg

Mein Highlight:

Ist die sehr gut besuchte Session am Nachmittag, in der sich die Initiativen #Ichbinhier und #fridaysforfuture vorstellen und erläutern, wie sie ihre Aktivitäten organisieren, steuern und planen. Während die preisgekrönte Anti-Hate-Speech-Initiative #Ichbinhier inzwischen über klare hierarchische Strukturen, Formate und Abläufe verfügt und Gründer Hannes Ley zehn goldene Regeln für das erfolgreiche Betreiben einer Facebook-Gruppe präsentieren kann, funktioniert #Fridaysforfuture ganz anders. Die gesamte Bewegung wird in Deutschland über hunderte, vielleicht tausende Whatsapp-Gruppen organisiert. „So genau kann das niemand sagen“, sagt Moritz Kalis (21), der im Organisations-Team Berlin den Hut aufhat. Immer wenn eine Gruppe mit der von WhatsApp definierten maximalen Größe von 256 Mitgliedern gefüllt ist, werde eine neue aufgemacht, so Kalis. Hier den Überblick zu behalten ist quasi unmöglich. Versuche die Orga auf Tools wie Slack zu verlagern: gescheitert. Aber wie kommt man dann auf ein gemeinsames Motto, wer kümmert sich um Presseanfragen, wer streut wann welche Infos? Die Antwort: „Das passiert irgendwie alles von alleine.“ Für Presseanfragen gibt es teilweise eigene WhatsApp-Gruppen auf Landes- und Ortsebene. Manchmal fühlt sich aber auch irgendjemand berufen, ohne Absprache. Der Erfolg gibt den Aktivisten Recht und macht deutlich, dass die FFF-Generation ohne Plattformen, Hierarchien und Facebook, sondern ganz allein mit Hilfe von Direct-Messaging in Verbindung bleibt. Kalis‘ Generation vertraut viel stärker auf informelle Infos. „Eine Empfehlung von einem Freund über WhatsApp bringt mich dazu, mir etwas anzusehen – keine Anzeige auf Facebook.“

Facebook stellt aktuelle Nutzerzahlen vor. Foto: M. Herceg

Aktuelles:

Taufrisch präsentiert Facebook in einer der Marketingsessions die aktuellen Nutzerzahlen weltweit und für Deutschland im ersten Quartal 2019. Demnach nutzen hierzulande derzeit 32 Millionen Menschen (weltweit 2,28 Milliarden) jeden Monat Facebook, 90 Prozent über ein mobiles Endgerät. WhatsApp hat aktuell 58 Millionen User und auf Instagram tummeln sich mehr als 25 Millionen Menschen in Deutschland. Außerdem wird es künftig keine geheimen Gruppen mehr geben. Stattdessen wird es nur noch eine Unterscheidung zwischen öffentlich und privat geben. Über die Privatsphäre-Einstellungen lässt sich dann noch bestimmen, ob die private Gruppe von der Suche ausgeschlossen wird oder nicht. De facto verschwindet also eigentlich nur das Wort „geheim“ aus dem Facebook Nomenklatur. Ebenso wenig überraschend: Facebook hat sich endgültig vom Video-Format 16:9 getrennt und rät Usern, Werbetreibenden und den NGOs auf quadratische (1:1) und Hochformate (9:16) zu setzen. Wer also gerade Video-Content für Facebook plant – bitte einmal die Kamera um 90 Grad drehen.

Was fehlt:

Im offiziellen Programm findet sich leider kein Wort zum Thema Datenschutz, oder wie Facebook mit Hate-Speech und Hetze umgehen will. In Gesprächen mit Vertretern kleinerer Vereine merke ich, dass viele weder eine(n) Datenschutzbeauftragte(n) haben, noch Kenntnis von den Gerichtsurteilen des EuGH oder BVerfG zum Betreiben von Facebook-Fanpages. Auf Nachfragen zum Datenschutz weichen die Referenten von Facebook aus. Viele, die heute eine Session leiten, sind erst seit kurzer Zeit dabei. Die meisten Teilnehmer des NGO-Tags scheinen sich nicht sonderlich für das Thema Datenschutz zu interessieren. Als Facebook in einem Workshop lautstark Werbung macht, die Gruppenfunktion zu nutzen (inklusive Hochglanz-Image-Video) und herausstellt, wie wichtig Facebook-Gruppen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt seien, werde ich unruhig: Was ist mit radikalen, geschlossenen Gruppen, in denen sich rechte, teilweise Holocaustleugner und Verfassungsfeinde austauschen und organisieren? Was tut Facebook dagegen? Die unbefriedigende Antwort der Facebook-Mitarbeiterin: Es gebe intelligente Filter und Dienstleister, die terrorverdächtigen Content erkennen können. „Außerdem haben Gruppenmitglieder die Möglichkeit, Inhalte, die gegen die Regeln des Netzwerks verstoßen, zu melden.“ Fraglich, ob beispielsweise ein Neonazi, der Mitglied in einer geschlossenen Neonazi-Gruppe auf Facebook ist, rechtsradikale Inhalte an die Plattformbetreiber meldet … ?

Der Aha-Moment:

Im Gegensatz zu Google, wo jeder Verein, der Gemeinnützigkeit nachweisen kann, zumindest die Möglichkeit hat am halbwegs transparenten Grants-Programm teilzunehmen und von bis zu 10.000 US-Dollar Mediabudget pro Monat für GoogleAds profitieren kann, gibt es diese Art der Förderung bei Facebook offiziell nicht. Auf Nachfrage wird verkündet, dass eine gesonderte, rabattierte Bepreisung für Anzeigen von NGOs intern ein großes Thema sei, es lägen diverse Ideen auf dem Tisch. Aber eine klare Aussage, ob, wie und wann Facebook hier ein Programm aufsetzen will: Fehlanzeige. Viel spannender noch: Im Austausch mit Vertretern anderer gemeinnütziger Organisationen wird deutlich, dass Facebook sehr wohl Werbebudgets für NGOs zur Verfügung stellt. Teilweise geht es laut Kolleginnen und Kollegen um hohe fünfstellige Summen. Diese kommen direkt von Facebook-Mitarbeitern, die hierfür scheinbar ein persönliches Budget haben. Genaue Infos dazu: ebenfalls Fehlanzeige. Welche NGOs gefördert werden und nach welchen Kriterien? Auch das erfahre ich beim NGO-Tag nicht. Spannend sind jedoch die Aussagen von Kollegen, die sich für Seenotrettung einsetzen und für ihre Facebook-Kampagnen regelmäßig horrende Summen für Anzeigen erhalten haben. Laut deren Aussage wurde der Geldhahn ohne Ankündigung im Zuge des EU-Wahlkampfes zugedreht, von heute auf morgen. Die Organisation sei zu politisch geworden, ließ ein Facebook-Mitarbeiter die Kollegen wissen. Ähnliches auch von einer Kollegin, die sich mit ihrem Verein für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt. Als die Organisation begann, sich klar Pro Migration zu positionieren, gab es kein Geld mehr von Facebook.

Im besten Fall haben also hier die Facebook-Mitarbeiter das Zepter in der Hand, indem sie entscheiden, was aus ihrer Sicht unterstützungswert ist, im schlechtesten Fall hat Facebook mit dieser intransparenten Förderung die Möglichkeit, darüber zu bestimmen, welche gemeinnützigen Themen von Usern wahrgenommen werden und welche nicht.

Eine von zwölf Sessions bei Facebook-NGO-Tag 2019. Foto: M. Herceg

Mein Fazit:

Ich habe einen Tag auf Kosten von Facebook Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, ein paar Einblicke erhalten, wie Facebook sich die Zusammenarbeit mit NGOs in Deutschland vorstellt und erfahren, was hinter den Kulissen von #ichbinhier und #fridaysforfuture passiert. Allein dafür hat sich der Trip von Freiburg nach Berlin gelohnt. Richtig spannend wäre es jedoch gewesen, wenn sich auf der Agenda Session-Titel wie „Facebook-Fanpages und Datenschutz“ oder „Wie fördert Facebook NGO-Kampagnen finanziell“ gefunden hätten. Dass Facebook hier die Beine stillhält, ist verständlich, doch von den Mitveranstaltern hätte ich schon erwartet, dass sie auch diese „unbequemen“ Themen zur Diskussion bringen. Immerhin: Mit der Facebook-kritischen Eröffnungsrede von Sawsan Chebli, die nach massiven Anfeindungen ihre Facebook-Seite gelöscht hat, wurde der NGO-Tag in den Schatten eines erhobenen Zeigefingers gestellt, der Facebook an seine Verantwortung, die User vor Hass, Anfeindungen und antidemokratischen Entwicklungen zu schützen, erinnern sollte.

2 Comments

  1. Sehr spannender Beitrag! Mich würde interessieren, wie man mitbekommt, ob und wann 2020 solch ein NGO-Tag stattfindet.
    Und fährt man dann wirklich auf gut Glück da hin, mit dem Risiko keinen Platz mehr zu ergattern?

    1. Hallo Theresa, leider habe ich noch keine Info, ob es 2020 wieder einen NGO-Tag von Facebook gibt. Sollte ich ein Datum erfahren, werde ich das per Newsletter mit dir teilen. Für den NGO-Tag 2019 konnte man sich vorab online anmelden – allerdings nach dem Prinzip first come first serve.

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