Kann eine KI trösten? Ein Gespräch über Digitalisierung, Trauer und echte Begegnung

Kann eine KI trösten? Sollte sie es überhaupt versuchen? Und wo endet die Effizienz der Digitalisierung, wenn es um existenzielle Krisen geht? Anne Strauß bewegt sich in diesem Spannungsfeld. In Ansbach, unweit von Nürnberg, begleitet sie Menschen durch Trauerprozesse und Liebeskummer – denn auch das ist eine Art von Trauer.

Anne hat zwei Masterabschlüsse – einen in Text- & Kultursemiotik, den andere in Caritaswissenschaften und werteorientiertem Management. Beide Erfahrungen prägen ihren differenzierten Blick auf eine Welt, in der Digitalisierung immer mehr Einfluss gewinnt. Wer ihr begegnet, spürt sofort: Hier spricht jemand, der Theorie und Praxis in der sozialen Arbeit zusammendenkt und Ahnung von dem hat, worüber sie spricht.

Werteorientierung vs. Algorithmus

„Am Anfang fand ich Caritaswissenschaften ehrlich gesagt etwas skurril“, lacht Anne, „aber der Mix aus Ethik, Anthropologie und Organisationsentwicklung hat mich schnell überzeugt.“ Ihr Studium lenkte ihren Blick auf die Frage, wie alte Werte und neue Strukturen in einer Zeit rasanter Technologieentwicklung zusammenfinden. Für sie ist klar: Diese Spannung prägt heute die gesamte Wohlfahrtspflege. „Jede*r hängt irgendwo noch hinterher, tippt immer wieder selbst Daten ein oder passt Prozesse an digitale Systeme an. Die KI ist ein offenes, unterstützendes Instrument – aber auch da gilt: Wie bei jedem Medium sollte ich mich fragen, wie und warum nutze ich es – und wo sind die Grenzen.

Digitalisierung heißt verstehen, nicht nur handeln

Bis vor Kurzem lautete der Leitsatz der Caritas: „Not sehen und handeln“. Jetzt steht neu in der Satzung: „Not sehen, verstehen und handeln“. Das „Verstehen“ macht einen Riesenunterschied. Denn ohne richtige Daten bleibt vieles nur Bauchgefühl oder Anekdote – nicht genug, um wirkungsvoll zu helfen. Auch Anne bestätigt: „Es ist superwichtig, Daten sauber zu sammeln und auszuwerten. Aber dabei muss man natürlich auch aufpassen, dass man nicht nur bestätigt, was man sowieso denkt, sondern auch andere Sichtweisen zulässt.“ Daten helfen dabei, Zielgruppen besser zu verstehen, politische Unterstützung zu gewinnen und sogar Angebote gezielt für bestimmte Menschen zu machen.

Gemeinsam geht’s besser: Die Wohlfahrts-Digitalisierung

Digitalisierung geht nicht allein. Anne findet es wichtig, dass Caritas, Diakonie und andere Wohlfahrtsverbände zusammenarbeiten. Denn nur so entstehen Schnittstellen, sichere Systeme und Wissenstransfer, damit Digitalisierung sozial gerecht bleibt. Nicht zu unterschätzen seien auch der Austausch zwischen Mitarbeitenden vor Ort, Fortbildungen und einfach die Offenheit, neue digitale Wege zu wagen. Das mache Mut und hilft, Technik im Sinne der Menschen sinnvoll einzusetzen.

KI und Digitalisierung werfen viele offene Fragen auf, gerade im sozialen und ethischen Bereich, meint Anne. Deswegen brauche es Transparenz, Schulungen und auch den kritischen Diskurs: Denn was passiert, wenn KI sich weiterentwickelt oder Fehler macht? Wie gehen wir mit den Daten der Klient*innen respektvoll um? Das sind Fragen, die wir gemeinsam beantworten müssen.

Wo KI Sozialarbeit stärken kann

Aber KI bietet auch viele Chancen: Sie kann helfen, riesige Datenmengen zu analysieren, Mitarbeitende entlasten oder Infos für Menschen niedrigschwellig bereitstellen. Anne sieht die große Herausforderung darin, KI so zu entwickeln, dass sie wirklich sozial und gemeinwohlorientiert ist. Ohne das verkommt sie zur reinen Technikspielerei. Der neue KI-Chatbot der Caritas sei ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Digitalisierung Menschen konkret hilft. Hier wird mit KI niedrigschwelliger Zugang zu Sozialleistungen geschaffen: mehrsprachig, rund um die Uhr, unkompliziert. Für Menschen, die klassische Anlaufstellen nie betreten hätten, ist das ein echter Türöffner. Daten können Barrieren abbauen, Ressourcen gerechter verteilen und politische Argumente liefern.

Die Grenzen digitaler Hilfsmittel: Trauerarbeit bleibt menschlich

Doch der Technikoptimismus hat Grenzen – gerade in existenziellen Krisen. Wir sprechen mit Anne auch über einen KI-Chatbot, den ein kranker KI-Entwickler für seine Frau programmierte, um nach seinem Tod mit ihr zu „kommunizieren“[1]. Für Anne ist das eine gefährliche Illusion: „Das ist wie eine Serienfigur – aber eben auf Basis meines echten Partners. So entsteht eine künstliche Beziehung, die echte Trauerarbeit verhindert.“ Ihre Sorge: Menschen klammern sich an digitale Abbilder, statt den Abschied in ihrer eigenen Zeit durchzuleben. Und was ist, wenn sich die KI weiterentwickelt oder einfach abgeschaltet wir? Dann droht Liebeskummer – ausgelöst durch Algorithmen, nicht durch Trennung im realen Leben.[2]

Heilung braucht Zeit und echten Kontakt

Anne nutzt hierzu ein wunderschönes Bild aus ihrem Kintsugi-Kurs: Dort werden zerbrochene Gefäße mit Gold wieder vereint. Es geht nicht darum, dass das Gefäß wieder perfekt wird. Die Bruchstelle bleibt sichtbar – und wird zum kostbarsten Teil. Das Gefäß ist trotzdem wieder nutzbar, sogar wertvoller als zuvor. Genau das symbolisiert für sie, wie Trauer funktionieren kann. „Heilen heißt nicht verschließen, sondern Wertschätzung der Narben.” Die Bruchstelle wird sichtbar gemacht, nicht versteckt – und genau darin liegt der Prozess der Heilung. Das gilt auch für die digitale Trauerhilfe: Technik kann helfen, begleiten, informieren – aber die eigentliche Arbeit, das innere „Loslassen” und „Sich-finden”, das braucht ein echtes Gegenüber. „Der Geruch eines getragenen T-Shirts bedeutet für Trauernde viel mehr als hundert Chatbot-Nachrichten.” Trauerbegleitung ist somit für sie ein gelebtes Echo des Ichs – Selbstreflexion, Loslassen, sich neu (wieder-)finden. Das braucht Zeit und Raum – und idealerweise auch menschliche Nähe. „Es gibt keine gesunde Abkürzung in der Trauer”, erklärt sie.

Am Ende unseres Gesprächs wird deutlich: Es geht nicht um ein Entweder-oder. Digitalisierung und KI können die soziale Arbeit stärken, Zugang schaffen, entlasten. Aber sie dürfen nie die menschliche Begegnung ersetzen – gerade dort, wo es um Leben und Tod, um Verlust und Neufindung geht. Hierfür benötigt man einen klaren Blick für die Möglichkeiten der Technik. Und ein noch klareres Bewusstsein für ihre Grenzen.

Zur Person:
Anne Strauß ist selbstständige Trauerbegleiterin (Website: angenommen-praxis.de, Instagram: @angenommen_praxis) in Ansbach und betreut dort nicht nur Menschen in klassischer Trauer, sondern auch bei Liebeskummer oder dem Verlust von Haustieren. Sie arbeitet zudem in Teilzeit bei der Diakoneo im Bereich Azubi-Wohnen und ist ehrenamtlich bei der bundesweiten Trauer-Taskforce engagiert, die die Trauerkultur zum Sichtbaren verändern möchte. Anne hat an der Universität Passau Text- & Kultursemiotik sowie Caritaswissenschaften und werteorientiertes Management studiert.


  • [1] Siehe: Ewiges Leben als digitale Existenz: Warum Michael Bommer nicht sterben wird – DER SPIEGEL und Unsterblich als KI? | ARD Wissen: Mein Mann lebt als KI weiter.
  • [2] Die sogenannte „Digital Afterlife Industry“ entwickelt Technologien, die es ermöglichen, auch nach dem Tod mit Verstorbenen in Kontakt zu bleiben – und das auf scheinbar immer realistischere Weise. Neben Chatbots, mit denen Text- oder Sprachnachrichten ausgetauscht werden können, entstehen ausgefeilte Avatare: digitale Zwillinge, die mithilfe generativer KI als künstliches Abbild einer verstorbenen Person agieren.​ Um solche virtuellen Persönlichkeiten zu erschaffen, werden umfangreiche Datenquellen kombiniert. Dazu gehören gezielt bereitgestellte Sprachaufnahmen, Chatverläufe, private Informationen, biographische Daten sowie Vorlieben und Abneigungen der verstorbenen Person. Auch öffentlich verfügbare Daten aus dem Internet und aus sozialen Medien können für das Training der KI genutzt werden. Das Ziel: Trauernde sollen langfristig über verschiedene Plattformen mit einem KI-Abbild des Verstorbenen kommunizieren und so den Eindruck eines Weiterlebens erhalten – so realitätsnah, wie es die gespeicherten Daten ermöglichen.

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