New work is dead. So titelt das Magazin t3n in seiner aktuellen Ausgabe. Und die müssen es schließlich wissen. Die Redaktion schreibt von und für digital pioneers zu Trends, Technologien und Strategien im digitalen Wandel. Ist der Hype also vorbei? Teilt der Ansatz des freieren und agileren Arbeitens das Schicksal von Punk und Bildschirmtext? Mal abgesehen davon, dass die beiden letztgenannten Phänomene am Ende ja auch nicht so ganz verschwunden sind, sieht die Wahrheit dann doch vielfältiger aus.
Zunächst einmal: New Work ist natürlich nicht gleich Innovation, insbesondere soziale. Und dennoch gibt es einige Parallelen. Beides sind Containerbegriffe, nicht gerade hype-unverdächtig und damit schon immer mit Vorsicht zu genießen. Es gibt große Schnittmengen in den Grundhaltungen, die beidem zugrunde liegen. Agileres Arbeiten war oft auch mit der Hoffnung verbunden, mehr Raum für Sinn, Eigenständigkeit und Kreativität zu schaffen – ein absoluter Nährboden für Innovation. Wenn t3n nun so ein hartes Urteil zu New Work fällt: Ist dann auch die Zeit der sozialen Innovationen vorbei?
Krise als Argument für Stillstand – oder genau das Gegenteil?
Der Eindruck verstärkt sich, wenn wir auf aktuelle politische Debatten schauen. Der Sozialbereich steht unter so großem Rechtfertigungsdruck wie schon lange nicht mehr. Die Prognosen für die öffentlichen Haushalte werden regelmäßig nach unten korrigiert. Treibt das nicht in Bestehendes, Bekanntes, scheinbar Bewährtes? Eine nachvollziehbare Reaktion – aber meiner Meinung nach die falsche Konsequenz. Denn in Zeiten, die von Unsicherheiten geprägt sind, in denen funktionierende Konzepte immer kürzere Halbwertszeiten haben, ist es ratsam, die eigene Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen. Nichts anderes versuche ich durch den strategischen Einsatz von Innovation zu erreichen: die Wahrscheinlichkeit erhöhen, schneller auf veränderte Bedingungen reagieren zu können. Das Motto könnte also lauten: Der Hype ist vorbei, nun ist die Zeit für die Strategie.
Natürlich wird das schwer genug. Gefühlt läuft eh alles schon am Anschlag. Und große Organisationen und Reaktionsschnelligkeit scheinen sich eher gegenseitig auszuschließen. Das Bild vom Tanker halte ich allerdings für überholt – selbst mit meinem limitierten nautischem Wissen gehe ich beim Tanker davon aus, dass es eine Brücke gibt, auf der jemand bestimmt, wohin das Schiff fährt. Bei einem Wohlfahrtsverband ist die Steuerung dann doch noch komplexer. Hinzu kommt, dass unsere Finanzierungs- und Förderungslogiken wenig auf Experiment und Ausprobieren ausgerichtet sind. Andere Quellen, wie etwa der ESF+, stehen unter enormem Druck und vor einer ungewissen Zukunft.
Am Rande des Chaos
Und dennoch: Die Voraussetzungen bei uns sind am Ende gar nicht so schlecht. Die Quantenphysikerin und Hirnforscherin Danah Zohar beschreibt einen Ort am Rand des Chaos – einen Zustand, in dem ein System noch genug Stabilität aus Erfahrung und Struktur hat, um Impulse von außen wirklich verarbeiten zu können. Genau der Ort, an dem nachhaltige Innovation entsteht. Das Bild hat mich in den letzten Jahren immer wieder begleitet – weil es beschreibt, was wir gesellschaftlich gerade brauchen: die Fähigkeit, mit scheinbar Widersprüchlichem umzugehen und es produktiv zu machen.
Ich hatte das Glück, vor meiner Tätigkeit bei der Caritas drei Jahre lang in Frankfurt am Main einen Coworkingspace für soziale Unternehmungen aufzubauen und ihn zu einem Innovationsort für das Bistum Limburg zu entwickeln. Mit den Coworkenden, ihren Netzwerken und Themen hatten wir auch das ein oder andere Mal den Eindruck, an einem solchen Ort am Rand des Chaos zu sein. Ich will damit nicht sagen, dass wir nun alle Coworkingspaces aufbauen sollten. Aber Orte, an denen die gewohnte Ordnung ein bisschen unter Druck gerät, sollten wir ab und zu aufsuchen. Andere sind sicher auch gute Gastgeber*innen dafür.
Der unterschätzte Ausgangspunkt für die Caritas
Daneben bringen wir als Caritas eine Menge mit, dass wir produktiv einsetzen können. Eine strukturelle Unzufriedenheit, die uns antreibt – nicht als Selbstzweck, sondern weil wir davon überzeugt sind, dass für viele in der Gesellschaft mehr drin ist, wenn wir einen gerechteren, solidarischeren Weg gehen. Eine lange Erfahrung in sozialer Innovation: Unsere Angebote sehen heute anders aus als vor zehn, 50 oder 100 Jahren – ein deutliches Zeichen für Veränderungsbereitschaft, auch wenn es sich von innen nicht immer so anfühlt. Gewachsene Strukturen, die nicht nur Trägheit bedeuten, sondern einen stabilen Kern bilden, von dem aus Ideen skalieren können. Und ein unternehmerisches Denken, das nicht Gewinnmaximierung meint, sondern die Grundhaltung, von Bedarfen und Verbesserungen her zu denken.
NEU – NÜTZLICH – REAL
In den vergangenen Jahren hat mir beim Containerbegriff Innovation immer wieder ein Dreiklang Orientierung gegeben: neu, nützlich, real. Und es gibt bereits viele Ansätze innerhalb der Caritas zur Umsetzung. Caritas Europa arbeitet am strategischen Ziel der Implementierung von Social Innovation und hat dazu eine eigene Working Group eingesetzt. Im Mai werden sich alle Caritas-Präsident*innen der Mitgliedsstaaten auf ihrem jährlichen Forum schwerpunktmäßig mit dem Thema auseinandersetzen. Das Caritas Europa Innovation Festival bringt jährlich rund 500 Engagierte zusammen. Mehrere Caritasverbände haben die Innovationsagentur ignato gegründet. In Deutschland vernetzt das Forum Digitale Agenda Akteure und Initiativen; alle zwei Wochen werden im Format biweekly innovative Ideen aus dem Digitalbereich vorgestellt.
Der Hype ist vorbei. Gut so. Jetzt fängt die eigentliche Arbeit an.
David Schulke ist seit Februar 2023 Landessekretär der Caritas in Niedersachsen. Der studierte Politikwissenschaftler und PR-Berater war zuvor acht Jahre im Bistum Limburg tätig, wo er die Abteilung Jugendliche und junge Erwachsene leitete – und 2019 die Villa Gründergeist gründete: Deutschlands einzigen katholischen Coworking-Space in Frankfurt am Main, der als kirchliches Innovationszentrum bis heute besteht.