Refinanzierung der Digitalisierung – zwischen Systemlogik, Dilemma und Chancen 

Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie braucht verlässliche Strukturen, tragfähige Finanzierungsmodelle und politischen Rückhalt. Das wurde im Auftaktmeeting der neuen Caritas-Initiative „Refinanzierung Digitalisierung“ deutlich. 27 Digitalisierungsfachpersonen aus verschiedenen Diözesan- und Ortsverbänden sowie Fachreferaten der Caritas trafen sich digital, um Wege und Ansätze für die nachhaltige Finanzierung digitaler Transformation in der sozialen Arbeit zu diskutieren. 

Am Ende stand eine lange Liste von Ideen, Erfolgsbeispielen und konkreten Hinweisen – die wichtigsten Tipps und Ansatzpunkte gleich vorweg: 

  • Erfolgsgeschichten teilen: Gute Praxis aus der ambulanten Pflege, Eingliederungshilfe oder Verwaltung sichtbar machen – das stärkt die Verhandlungsposition und argumentiert mit konkreten Wirkungsnachweisen. 
  • Kostenträger als Kooperationspartner frühzeitig in Digitalisierungsmaßnahmen und Investitionsvorhaben mit einbeziehen. Wirtschaftlichkeitsrechnungen, konkrete Finanzierungspläne sowie standardisierte Projekte mit nachgewiesener Wirkung, stärken die eigene Verhandlungsposition.  
  • Die Kommunen und Länder aktiv auf verfügbare Ressourcen und Budgets aus dem Sondervermögen über das Gesetz zur Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen (LuKIF) ansprechen. Digitalisierung wird hier explizit als Förderbereich aufgelistet. 
  • Digitalisierung als betriebsnotwendigen Bereich ausweisen: Besonders Datensicherheit, IT-Betrieb und Verwaltung müssen stärker als dauerhafte Pflichtaufgabe verankert werden – das ist ein zentrales Argument in Entgeltverhandlungen. 
  • Innenfinanzierung mitdenken: Digitale Prozesse können Kosten sparen (z. B. durch weniger Fahrzeiten oder effizientere Verwaltung). Diese Effekte sollten in Finanzierungsmodellen abgebildet und strategisch genutzt werden.  
  • Gesetzliche Ansprüche auf Risiko- und Wagniszuschläge sollten konsequent eingefordert werden, um Rücklagenbildung zu ermöglichen und Investitionsspielräume z.B. in digitale Geschäftsmodelle zu schaffen.    
  • Austausch stärken, voneinander profitieren: Kleine, handlungsfähige Teams können ggfs. prüfen, wo Mittel umgewidmet, Nachweise angepasst oder neue Argumentationslinien für Kostenträger entwickelt werden können. Diese Informationen wiederum sollten geteilt werden.  

Komplexität und strukturelle Hürden 

Warum das Thema so schwierig ist, wurde schnell klar: die Rahmenbedingungen sind hochkomplex. Unterschiedliche gesetzliche Grundlagen auf Bundes- und Landesebene, verschiedene Zuständigkeiten in Ministerien und Finanzierungslogiken, unterschiedliche Verhandlungskulturen und wirtschaftliche Ausgangslagen – all das erschwert eine einheitliche Strategie. 

Die Diskussion verdeutlichte, dass Digitalisierung oft quer durch bestehende Finanzierungssysteme läuft, hier einige aufgegriffene Punkte. 

  • Bei zuwendungsfinanzierten Angeboten existieren kaum laufende Mittel für Digitalisierung. Projektmittel helfen nur bedingt, weil ihre Logik nicht zu strukturellen Bedarfen passt. 
  • Es besteht ein Grunddilemma: Digitalisierung spart Kosten, die später bei den Ist-Kosten wieder abgezogen werden. Hinzu kommt die zeitliche Diskrepanz, denn die Kostenträger fordern oft Budgetneutralität oder direkte Einsparungen, die Digitalisierungseffekte sind in der Regel erst mittelfristig wirksam – ein Teufelskreis ohne Investitionsspielräume.  
  • Der Mehraufwand in der Verwaltung, insbesondere im Bereich Datenschutz und IT-Sicherheit, muss abgebildet werden. Diese Aufgaben müssten endlich in Personalkosten mitgedacht werden. 
  • Cybersecurity als Schlüsselthema: Ohne Schutz digitaler Systeme kann keine Innovation funktionieren – und ohne Refinanzierung kein Schutz. 
  • Unternehmerische Flexibilität innerhalb gemeinnütziger Organisationen muss mitgedacht werden: Digitalisierung müsse Spielräume schaffen, nicht Strukturen zementieren. 

Chancen und politische Notwendigkeiten 

Neben allen Schwierigkeiten war die Runde sich einig: Der demografische Wandel macht Digitalisierung nicht nur wünschenswert, sondern zwingend notwendig. Lösungen mit Künstlicher Intelligenz oder smarter Prozessautomatisierung können bis zu 10% Effizienzgewinne bringen – Potenziale, ohne die Fachkräftemangel und alternde Belegschaften kaum bewältigbar sind. Gerade deshalb brauche es ein starkes politisches Signal: Digitalisierung ersetzt keine Menschen, sie sichert Versorgung. Dafür braucht es eine nachhaltige Regelfinanzierung in sämtlichen Angeboten sozialer Dienstleistungen.  

Fazit: Gemeinsam in die Praxis 

Das Austauschformat soll im Jahr 2026 fortgesetzt werden – mit dem Ziel, gute Beispiele zu dokumentieren, Finanzierungsmodelle zu vergleichen und gemeinsame Positionen für kommende Verhandlungen zu erarbeiten. Digitalisierung kann nur gelingen, wenn sie dauerhaft finanziert wird. Wer mehr erfahren möchte, kann sich gern direkt bei Claudia Neuz (claudia.neuz@caritas.de) melden. 

Stephanie Agethen / Claudia Neuz

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