Was 370 junge Menschen antreibt sich bei [U25] zu engagieren – und was uns die Daten darüber verraten 

„Ich dachte zuerst, es wäre toll, anderen zu helfen. Heute würde ich sagen: Es hat auch mir selbst geholfen.“ Dieser Satz stammt von einer ehrenamtlichen Person unter 28 Jahren, die sich bei [U25] engagiert – der Online-Suizidpräventionsberatung des Deutschen Caritasverbandes. Und er bringt etwas auf den Punkt, das sich durch die gesamte Befragung zieht: Engagement bei [U25] ist keine Einbahnstraße, sondern hilft konkret – auf beiden Seiten. 

370 junge Menschen. Freiwillig. Verlässlich. In einem schweren Thema. 

Jährlich engagieren sich rund 370 junge Menschen zwischen 16 und 28 Jahren bei [U25]. Sie beraten andere Gleichaltrige, die sich in suizidalen Krisen befinden – online, vertraulich, immer eng begleitet von hauptamtlichen Fachkräften. Ein Engagement, das Haltung, Reife und echtes Durchhaltevermögen erfordert. 

Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Und was hält sie? Genau das wollten [U25] und das Civic Data Lab wissen – und haben die Ehrenamtlichen befragt. 78 Peers haben an der umfangreichen Befragung teilgenommen. Die Ergebnisse sind aufschlussreich – nicht nur für [U25], sondern für alle, die mit jungem Engagement arbeiten. 

„Das junge Engagement bei [U25] ist eines der Herzstücke dieses Beratungsprojektes. Mir ist es ein großes Anliegen, zu verstehen, wie wir die Zusammenarbeit mit dem Ehrenamt noch weiter verbessern können.“

Janna Kleine-Huster, Bundeskoordinatorin [U25], Deutscher Caritasverband 

Helfen und sich entwickeln – kein Widerspruch 

Ein häufiges Missverständnis über ehrenamtliches Engagement: Entweder man tut es aus reiner Nächstenliebe – oder aus Eigeninteresse. Die Daten zeigen: Diese Unterscheidung greift nicht.  

Die Analyse der Motivationen ergibt zwei deutliche Cluster. Im ersten finden sich altruistische und werteorientierte Beweggründe: anderen helfen, Suizidprävention gesellschaftlich wichtig finden, bei [U25] die eigenen Werte wiedererkennen. Im zweiten Cluster geht es um persönliche Entwicklung: Wissen über psychische Gesundheit sammeln, das Engagement als Zusatzqualifikation nutzen, sich ausprobieren. 

Entscheidend ist: Beide Cluster schließen sich nicht aus. Es gibt keine negativen Zusammenhänge zwischen altruistischen und auf die eigene Entwicklung gerichteten Motiven. Wer anderen helfen will, kann gleichzeitig persönliche Ziele verfolgen – und ist es bei [U25] offensichtlich oft auch. 

Wer sich zugehörig fühlt, empfiehlt weiter 

Eine der belastbarsten Erkenntnisse der Befragung: Peers, die sich stark mit der [U25]-Gemeinschaft verbunden fühlen, empfehlen das Engagement mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit weiter. Dieser Zusammenhang ist statistisch robust – und er hat praktische Konsequenzen. 

Er zeigt, dass die Qualität der Gemeinschaft kein „nettes Beiwerk“ ist, sondern ein zentraler Hebel: für Bindung, für Mund-zu-Mund-Rekrutierung, für den Fortbestand des Projekts. Ehrenamtsbegleitung, die Verbundenheit fördert, zahlt sich also doppelt aus. 

Viel Aufwand, trotzdem Weiterempfehlung – was steckt dahinter? 

Noch eine überraschende Beobachtung: Wer den zeitlichen Aufwand bei [U25] als hoch empfindet, empfiehlt das Engagement tendenziell trotzdem weiter – manchmal sogar stärker als jene, die ihn als gering einschätzen. Statistisch belastbar ist dieser Effekt zwar nicht, aber er passt zu den praktischen Erfahrungen der Ehrenamtskoordinator*innen: Die Weiterempfehlungswerte sind insgesamt durchgängig hoch, unabhängig vom wahrgenommenen Aufwand. 

Was das bedeutet: Engagement bei [U25] scheint auch dann als sinnvoll erlebt zu werden, wenn es fordert. Das ist kein Argument dafür, übermäßige Belastung zu ignorieren – aber es spricht für eine hohe Sinnhaftigkeit des Engagements insgesamt. 

Raum für ehrliches Feedback 

Neben den statistischen Analysen hat die Befragung den Peers auch Raum für persönliches Feedback gegeben – anonym und offen. „Wir freuen uns über viele konstruktive Vorschläge. Und es berührt uns sehr, wie viele positive Rückmeldungen wir erhalten haben“, so Kleine-Huster. 

Im Rahmen der nächsten Teamtage der hauptamtlichen Mitarbeitenden werden die Rückmeldungen noch einmal intensiv angeschaut. Ziel ist es, die vielen guten Vorschläge der Peer-Berater*innen, wo immer es möglich ist, umzusetzen. “Die Rückmeldungen der Peers unterstützen uns sehr darin, die Begleitung bei [U25] bedarfsgerecht weiterzudenken”, berichtet Janna Kleine-Huster.   

Daten für besseres Ehrenamt 

Was bleibt? Die Befragung ist kein Selbstzweck. Die Ergebnisse helfen [U25] konkret: Akquisewege gezielter gestalten, Begleitung an den Bedürfnissen der Peers ausrichten, Verbundenheit bewusst fördern. Und sie liefern eine faktenbasierte Grundlage für alle, die über junges Engagement sprechen – in der Fachpraxis, in der Politik, in der Öffentlichkeit. 

Junges Engagement ist nicht selbstverständlich. Aber es ist da – stark, reflektiert und bereit, sich weiterzuentwickeln. Die Aufgabe ist, es zu verstehen. Und dann besser zu machen. 

Die Besonderheit der neuen Erhebung zu jungem Engagement bei [U25] liegt neben den konkreten Erkenntnissen in diesem Jahr in der Zukunft: Der Fragebogen wird ab jetzt jährlich genutzt. Durch automatisierte Auswertungen können Veränderungen über die Zeit und der Einfluss generationaler Verschiebungen sichtbar gemacht, Angebote daraufhin angepasst und neue Erkenntnisse gewonnen werden. 

Zur Methodik 

Die Entwicklung des Fragebogens erfolgte in einem mehrstufigen Verfahren unter Einbeziehung etablierter und forschungsbasierter Messinstrumente und nähert sich damit den Kriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität möglichst nah an. Die Items der Auswahlfragen wurden basierend auf qualitativen Fokusgruppeninterviews mit Peers sowie im Peer-Reviewverfahren unter den Standortortkoordinator*innen als inhaltliche Expert*innen formuliert. Zwischendurch wurden mithilfe von generativer KI virtuelle Pre-Tests durchgeführt, die die Güte des Fragebogens noch einmal erhöhten. Die geringe Anzahl von zusätzlichen Antworten im Feld „Sonstiges“ zeigt dabei eine gute inhaltliche Vorauswahl. 

Bei der Auswertung spielten sowohl deskriptive Vorgehensweisen eine Rolle – die Verteilung der Zugangswege oder Motivationsfaktoren genau wie demografische Aspekte wie Alter und Geschlecht erlaubten schon per se Schlüsse auf das junge Engagement. Zusätzliche Analysen von Zusammenhängen wurden durch Bayesscher Statistik möglich. Diese geht im Unterschied zur klassischen Statistik davon aus, dass Vorwissen miteinbezogen werden darf. Wo die klassische Statistik fragt „Wie wahrscheinlich wären diese Daten, wenn es in Wirklichkeit keinen Effekt gibt?“, ist das Interesse der Bayesianischen Statistik „Wie plausibel ist eine Annahme, wenn ich mein Vorwissen und die neuen Daten zusammennehme?“. Statt Punktschätzungen werden Wahrscheinlichkeitsverteilungen berechnet, die präzise Aussagen über die Sicherheit eines Befunds erlauben. Als belastbar gelten Effekte mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99 %. 

Der Fragebogen umfasste 22 Fragen; 79 Ehrenamtliche haben im Befragungszeitraum zwischen August und Oktober 2025 teilgenommen.

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