Wie ignato Innovation in der Caritas neu denkt – ein Gespräch mit Florian Pomper, Leiter des Innovationsteams Caritas Wien und Vorstandsmitglied der Innovationsagentur „Ignato“
Florian Pomper leitet seit 18 Jahren das Innovationsteam der Caritas Wien – und hat in dieser Zeit eine Beobachtung gemacht, die ihn nicht mehr losgelassen hat: Die Caritas in Europa verschenkt ein enormes Potenzial. Nicht aus bösem Willen, nicht aus Trägheit. Sondern weil niemand so richtig weiß, welche Ideen und soziale Innovationen anderswo schon längst funktionieren.
Wenn man ihn fragt, warum er so lange geblieben ist, antwortet er ohne Zögern: Weil es keinen abwechslungsreicheren Job in der ganzen Caritas gibt. Neue Zielgruppen, neue Themen, kein Jahr wie das andere. Aber irgendwann, je mehr er auf europäischer Ebene unterwegs war, je tiefer er in die internationalen Strukturen eintauchte, desto lauter wurde eine Frage in seinem Kopf.
„Wie kann es sein, dass wir hier nicht viel stärker zusammenarbeiten? Die Fragen und die Probleme der Menschen, für die wir da sind – zumindest in Europa – sind sehr ähnlich. Und trotzdem versucht jeder für sich, in seinem kleinen regionalen Umfeld alleine Lösungen zu finden.“
Florian Pomper
Aus dieser Frage ist ignato geworden – eine Art Inhouse Agentur der Caritas, die Verbänden hilft, für ihre drängendsten Probleme erprobte Lösungen aus der ganzen Welt zu finden und an den eigenen Kontext anzupassen (siehe Info-Kasten). Aber der Weg dahin war länger und holpriger, als man denken würde.
300 Leute beim Innovation Festival– und trotzdem passierte nichts
Der erste Versuch, etwas zu ändern, war naheliegend: Transparenz schaffen. 2021 startete Pomper gemeinsam mit Caritas Europa das Innovation Festival. Die Resonanz war sofort da – 300 Teilnehmende, 60 eingereichte Projekte aus ganz Europa, zehn davon auf die große Bühne gehoben, alle anderen in einer Dokumentation zugänglich gemacht. Man konnte einander endlich sehen. Endlich wissen, was es gibt.
Und dann – passierte nichts.
Die Leute waren inspiriert. Sie fanden die Projekte beeindruckend. Aber es führte nicht dazu, dass irgendjemand zum Telefon griff und sagte: Das möchte ich auch bei mir machen. Auch die Caritas Wien selbst nicht, obwohl Pomper das Festival mitorganisiert hatte. Das war ein ernüchternder Moment. Aber auch ein ehrlicher. Denn als Pomper und sein Team stärker darüber nachdachte, warum das so ist, ergab die Antwort plötzlich Sinn.
Warum gute Lösungen trotzdem liegen bleiben
Das Problem ist nicht, dass Caritas-Organisationen voneinander nicht lernen wollen. Das Problem ist, dass der Zeitpunkt fast nie stimmt. Damit eine Organisation eine fremde Innovation wirklich übernimmt, muss ein ganzes Bündel an Faktoren zusammenkommen: Das Thema muss gerade ganz oben auf der eigenen Agenda stehen. Der Leidensdruck muss hoch genug sein. Es darf nicht schon eine halbwegs funktionierende eigene Lösung geben. Die Finanzierung muss stimmen. Und es muss in die Strategie des Verbandes passen.
„Dass gerade jetzt eine Lösung auftaucht, genau zu dem Zeitpunkt, wo wir uns damit beschäftigen – das ist ein ganz seltener Zufall.“
Und genau hier liegt der Denkfehler aller bisherigen Ansätze: Sie setzen darauf, dass die richtige Lösung zufällig auf die richtige Organisation trifft. Best-Practice-Sammlungen, Innovationspreise, Festivals – sie alle schaffen Sichtbarkeit. Aber sie schaffen keinen Mechanismus dafür, dass Wissen dann auch wirklich fließt, wenn es gebraucht wird.
Wir müssen den Spieß umdrehen!
Was wäre, dachte Pomper, wenn man den ganzen Prozess umdreht? Nicht: Hier sind tolle Lösungen, wer will? Sondern: Du hast ein Problem? Wir suchen für dich mögliche Antworten.
So entstand die Kernidee von ignato: ein Intermediär, an den sich Caritas-Organisationen mit ihren aktuellen, drängendsten Herausforderungen wenden können. ignato präzisiert gemeinsam mit der Organisation die Fragestellung, recherchiert weltweit nach erprobten Lösungen und präsentiert nach wenigen Wochen eine Auswahl. Die Organisation entscheidet dann: Übernehme ich etwas davon? Oder weiß ich jetzt wenigstens, was es gibt – und gehe bewusst einen eigenen Weg?
Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn die eigentliche Arbeit beginnt erst danach.
„Was wir in den ersten Pilotprojekten lernen: Es ist sehr hilfreich, einen erfahrenen Intermediär zu haben, der den Dialog zwischen den Partnern moderiert. Der die Erfahrung mitbringt, welche Herausforderungen es gibt, wenn man etwas von A nach B transportiert.“
ignato sucht also nicht nur – es begleitet den gesamten Transferprozess. Von der ersten vagen Idee bis zur lokalen Umsetzung. Und das unterscheidet es von allem, was es bisher gab.
Subsidiarität – richtig verstanden
An dieser Stelle muss man über ein Wort sprechen, das in der Caritas fast schon „heilig ist“: Subsidiarität. Lösungen entstehen vor Ort, nah an den Menschen. Jede Kirchengemeinde, jeder Verband kennt seine Zielgruppen am besten. Wer von außen kommt und sagt „Nehmt das hier“, stoßt schnell auf Widerstand. Pomper kennt das. Und er hält die Skepsis für teilweise berechtigt – und teilweise für gefährlich.
Der berechtigte Teil: Die Nähe der Caritas zu ihren Zielgruppen ist tatsächlich eine große Stärke. Und deshalb heißt Replikation von sozialen Innovationen bei ignato eben nie eins zu eins. Die Faustregel lautet: 70 Prozent Kernübertragung, 30 Prozent lokale Anpassung. Diese 30 Prozent entstehen zwingend im Dialog mit den Menschen vor Ort – durch Ausprobieren, Feedback, nochmaliges Anpassen. Genau das, was die Caritas gut kann.
Der gefährliche Teil: Wenn „nah an den Menschen“ zu „wir wissen, was die Menschen brauchen“ wird. Wenn Nähe mit Allwissenheit verwechselt wird und die Einbindung der Zielgruppe irgendwann entfällt, weil man glaubt, sie nicht mehr zu brauchen.
„Die Stärke der Caritas ist nicht, dass wir schon alles wissen. Die Stärke ist, dass wir nahe genug dran sind, um schnell und direkt mit den Menschen interagieren zu können.“
Scheitern – aber richtig
Was passiert, wenn eine Innovation nicht abhebt? Die Caritas Wien hat dafür über die Jahre einen Prozess entwickelt, der ungewöhnlich konsequent ist. Und der mit einer Erkenntnis beginnt, die sich viele Organisationen nicht eingestehen wollen.
„Wenn früher Projekte halb gescheitert sind oder fertig entwickelt waren und dann nie abgehoben haben, war einer der Gründe: Wir haben auf die falschen Themen gesetzt. Das waren Nice-to-have-Projekte, wo am Anfang alle dachten: Das schadet nicht, lasst uns einfach mal loslegen.“
Pompers Konsequenz daraus: Heute startet die Caritas Wien nur noch Projekte, die erstens ganz oben auf der strategischen Agenda stehen und zweitens ein klares Commitment der Leitungsebene haben. Nicht: „Schaut mal, was ihr daraus macht.“ Sondern: „Wenn das funktioniert, bekommt es von uns alles, was es braucht.“
Und dann: alle drei Monate ein Checkpoint. Kein weiches Review, sondern eine harte Frage: Glauben wir noch an dieses Projekt? Drei Rollen entscheiden gemeinsam – Innovation, IT und Fachbereich. Nur wenn alle drei Verantwortlichen überzeugt sind, geht es weiter. Jede Einzelne hat Vetorecht. Dass die IT von Anfang an dabei sitzt, ist kein Zufall. Pomper hat aus früheren Fehlern gelernt: Wenn man die IT erst einbindet, wenn die Lösung quasi fertig ist, passt sie oft nicht zu den internen Strukturen. Was dann bedeutet: nochmal von vorne. Oder: gar nicht.
Dieses Dreier-Gremium hat in der Vergangenheit auch Projekte gestoppt, bei denen es „richtig weh“ getan hat. Weil schon viel investiert war, weil das Team daran glaubte. Aber genau das, sagt Pomper, sei der Punkt: Je später man abbricht, desto teurer wird es.
Innovation kann auch Geld bringen
An einer Stelle des Gesprächs öffnet Pomper ein Fenster, das man in der Caritas-Welt selten so sieht: die Frage, ob Innovation nicht nur kosten, sondern auch Einnahmen generieren kann.
Er unterscheidet drei Felder, in denen eine Caritas-Organisation innovativ sein kann. Das erste und zentrale: Innovationen für die Zielgruppen – bessere Angebote, neue Lösungen für Menschen in Not. Hier gehe es nie ums Geldverdienen, sondern um bestmögliche Wirkung. Das zweite Feld: interne Innovation – effizientere Prozesse, bessere Tools, kluge Digitalisierung. Hier liegt das Ziel in Kostenersparnis.
Und dann gibt es ein drittes Feld, das Pomper besonders spannend findet: Innovation im Fundraising. Neue Wege, Spender:innen zu erreichen. Digitale Kanäle, die man bisher nicht nutzt. Zielgruppen, an die man nicht herankommt.
„Wenn mir ignato hilft, die erfolgreichsten Fundraising-Methoden zusammenzusammeln, die andere NGOs weltweit umsetzen, dann kann das schon dazu führen, dass schneller eine neue Methode zu mir in die Organisation kommt. Die kostet zwar auch etwas – aber sie amortisiert sich, und dann nehme ich tatsächlich zusätzliche Mittel ein.“
Es ist ein seltener Moment in einem Gespräch über Sozialinnovation: jemand, der offen sagt, dass Innovation in einem bestimmten Bereich auch Geld bringen darf. Nicht als Selbstzweck, aber als Mittel, um die eigentliche Arbeit besser finanzieren zu können. Für manche Caritas-Verbände – gerade in Deutschland, wo die Diskussion über Haushaltskürzungen und neue Einnahmequellen aktuell geführt wird – könnte das ein ganz neuer Blickwinkel auf ignato sein.
Vom Duschbus zum lokalen Kontaktpunkt
Aber zurück zur konkreten Praxis. Was heißt das alles im echten Leben? Eines der ersten Pilotprojekte von ignato zeigt es exemplarisch: Die Caritas Alicante kam mit dem Thema Obdachlosigkeit – klassische Ansätze reichten nicht mehr. ignato recherchierte und fand GoBanyo, ein Social-Entrepreneurship-Projekt aus Hamburg: mobile Duschbusse für obdachlose Menschen.
Das Neue: Statt sofort in eine aufwendige Infrastruktur zu investieren, setzt ignato auf den kleinsten sinnvollen Schritt zuerst – so günstig und schnell wie möglich testen, so viel wie möglich lernen. Gleichzeitig fügte die Caritas Alicante etwas hinzu, das dem Original fehlte: eine sozialarbeiterische Komponente. Die 70 Prozent Kern – das Konzept der mobilen Hygiene als Kontaktpunkt – blieben erhalten. Die 30 Prozent Lokales kamen obendrauf.
Und hier zeigt sich ein weiterer Aspekt, der in der bisherigen Caritas-Logik ungewöhnlich ist: Auch für GoBanyo in Hamburg lohnt sich das. Denn normalerweise entwickelt jemand eine Innovation, investiert Jahre und Geld – und niemand erstattet jemals die Entwicklungskosten. Bei ignato ist die Überlegung eine andere: Wenn ein Caritasverband sagt, wir möchten eure Lösung übernehmen, dann wäre er vielleicht auch bereit, dafür zu zahlen. Für die übernehmende Organisation immer noch deutlich günstiger als eine Eigenentwicklung. Und für den Urheber: eine Anerkennung, mit der niemand gerechnet hat.
„Das kennen wir nicht. Wir sind eher so: Wir freuen uns, wenn jemand Interesse hat, und machen Tor und Tür auf. Aber dass jemand kommt und sagt – wir zahlen euch was dafür – das ist für den Sozialbereich tatsächlich etwas Neues.“
Und was hat das mit Künstlicher Intelligenz zu tun?
Gegen Ende des Gesprächs passiert etwas, das zeigt, wie nah sich die beiden Welten – die Innovationseinheit der Caritas Wien, ignato und caritas.next – gerade kommen. Als wir Pomper erzählen, dass wir bei caritas.next unsere Projektsammlung über digitale Projekte versuchsweise in ein KI-Tool überführt haben, wird er hellhörig. Noch ist das rudimentär, ein Experiment. Aber es funktioniert bereits jetzt als Testversion sehr gut: Statt sich durch hunderte Datenbankeinträge mit zehn Filtern zu suchen, kann man dem System einfach sagen, wonach man sucht.
Pomper erkennt sofort das Potenzial – auch und gerade für ignato:
„Wenn ich der KI sage: Das ist genau mein Thema – und die spuckt mir sofort die drei Projekte aus, die damit zu tun haben. Das ist der zusätzliche Benefit. Die reinen Datenbanken werden einfach nicht genutzt, weil es zu mühsam ist.”
Für ignato ist ein solcher KI-gestützter Innovations-Scout noch ein Traum – aber einer mit klaren Konturen. Georg Schön, Mitgründer und Geschäftsführer von ignato, hat ihn als eines der wichtigsten Zukunftsprojekte benannt: eine KI, die das gesamte Wissen über soziale Innovationen in der Caritas bündelt und jederzeit durchsuchbar macht. Die Technik dafür existiert bereits – was fehlt, ist die Datenbasis und der Rahmen. Für ignato könnte so etwas zur Kerninfrastruktur werden.
Und auch der KI-Chatbot für Sozialberatung, an dem caritas in NRW mit caritas.next in Deutschland gerade arbeitet, hat Pompers Aufmerksamkeit: Er könnte sich vorstellen, dass eine solche Lösung über die Landesgrenze nach Österreich wandert – ganz im Sinne von ignato. Replikation im digitalen Raum. Die Werkzeuge dafür sind zum ersten Mal wirklich greifbar.
Was bleibt
Am Ende des Gesprächs macht Florian Pomper etwas, das man in der Innovationsszene selten erlebt: Er lobt seine eigene Organisation. Nicht sich selbst, nicht sein Team – sondern die Leitungsebene der Caritas Wien, die bereit war, in Vorleistung zu gehen. Geld zu investieren in etwas, das es noch nicht gibt. Ein Risiko einzugehen, ohne Erfolgsgarantie.
„Das ist nicht selbstverständlich. Und das ist der Nährboden für alles, was wir über diese Jahre hier entwickeln durften.“
Ob ignato in drei oder fünf Jahren erfolgreich sein wird, hängt laut Pomper nicht an der Finanzierung. Die sei überschaubar, es gehe vor allem um Personalkosten. Es hängt daran, ob das Modell funktioniert. Ob Organisationen tatsächlich kommen und sagen: Sucht für uns. Ob der Transfer gelingt. Ob die 70/30-Formel hält.
Wenn es funktioniert, dann will Pomper, dass ignato weit über die Caritas hinauswächst – zu einem Angebot für alle Sozialorganisationen, egal ob Caritas, Diakonie, AWO oder ein kleiner lokaler Träger. Weil am Ende zählt nur eine Zahl: Wie viel zusätzliche Wirkung ist entstanden, weil jemand eine Lösung nicht neu erfinden musste, sondern übernehmen konnte?
Das ist, wenn man so will, Innovation in der Innovation. Und es ist, vielleicht zum ersten Mal, ein Ansatz, der nicht beim Dokumentieren aufhört – sondern genau dort anfängt, wo alle anderen aufgehört haben.
Was ist ignato?
Kontakt und Informationen:
Eine Organisation kommt mit einem Problem – ignato sucht weltweit nach Lösungen, die anderswo schon funktionieren, und begleitet den gesamten Prozess der Übernahme und Anpassung. Gegründet 2025 von vier Caritas-Verbänden: Wien, Spanien, Alba Iulia (Rumänien) und DiCV Berlin. Geschäftsführer ist Georg Schön, der zuvor zehn Jahre bei Ashoka an Skalierungsstrategien für soziale Innovationen gearbeitet hat. Methode: Das 8-Step Value Creation Framework strukturiert den gesamten Prozess von der Problemdefinition über die globale Recherche bis zur lokalen Umsetzung und Verstetigung. Aktuelle Pilotprojekte: GoBanyo (mobile Hygiene für obdachlose Menschen, Transfer Hamburg → Alicante) und Brunnenpassage (inklusiver Kulturort gegen gesellschaftliche Polarisierung, Transfer Wien → Barcelona).
Georg Schön, georg.schoen@ignato.eu
Caritas Wien: https://www.caritas-wien.at/ueber-uns/innovation/