Digitaler Urknall (Teil I)

Caritas geht nicht ohne „Digitalisierung“! 

Oder: Vom Nutzen des technischen Fortschritts und den Nachteilen für Entwicklung – Ein Rückblick in drei Teilen.

Für jemanden, der wie ich mit einigem Recht von sich behaupten darf, den digitalen Urknall selber gehört zu haben, liegt es natürlich nahe, ein Plädoyer für den digitalen Wandel in der Caritas als Rückblick zu halten. Dies zum einen, weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass wir gar keine andere Wahl hatten. Und zum anderen grob fahrlässig handeln, würden wir diese Chance für unseren christlichen Auftrag zur Caritas nicht nutzen. Warum wir uns für diesen Wandel engagieren müssen, was es dafür an Überzeugungsstrategien bedarf und wie ich selber diesen Prozess in verschiedenen katholischen Organisationen und Unternehmen erlebt habe, möchte ich in dieser dreiteiligen Serie erzählen. Und vielleicht auch die ein und andere Erfahrung als Anregung teilen.


Von der Steinzeit der digitalen Transformation (Teil I)
Oder: Als noch niemand an das Internet dachte, wir trotzdem die Technologie dafür einführten und niemanden davon überzeugen mussten.

Die Geschichte aus den Anfängen dessen, was wir heute „digitale Transformation“ nennen, ist aus meiner Sicht genauso rasant erzählt, wie diese Entwicklung in der Tat immer noch spektakulär ist:  Die ersten Rechner mit Textverarbeitungsfunktion gewannen in den 1970er schnell an Flughöhe und verdrängten die elektrischen Kugelkopf- und elektronischen Typenrad-Schreibmaschinen aus den Büro-Hangers der Old Industry. Fortschritt manifestierte sich plötzlich nicht mehr nur in Weltraumtechnik und Teflonpfannen, sondern hielt auch auf der Kölner Orgatechnik (damals sprach noch kein Mensch „Tec“) im bürgerlichen Mittelstand Einzug. Fast zeitgleich wurde in verrauchten Seminarräumen mit Marx und Weber über die Gefahren und Konsequenzen dieser neuen Produktionsmittel diskutiert, als sei die Dampfmaschine neu erfunden worden.

Wer es sich leisten konnte, wusste diese neuen Informationstechniken als „Elektronische Datenverarbeitung“ für Buchhaltung oder Mandantenpflege zu nutzen. Die technischen Grundvoraussetzungen des digitalen Wandels erfuhren also Serienreife im Zeichen einer effizienten Büroorganisation, für die es keiner besonderen Überzeugungsarbeit bedurfte.

Das wurde erkennbar anders, als dieses „Internet“ mit diesem elendigen Modem-Gequake im (Büro)Alltag auftauchte.

drrriiiiiiiiiiiiiiiii, drrriiiiiiiiiiiiiiiii, drrriiiiiiiiiiiiiiiii... Wer erinnert sich noch an das Einwahlgeräusch des Modems?

drrriiiiiiiiiiiiiiiii, drrriiiiiiiiiiiiiiiii, drrriiiiiiiiiiiiiiiii… Wer erinnert sich noch an das Einwahlgeräusch des Modems?

Als Experte galt, wer Drucker installieren konnte und ein Hauch von Excellence begleitete all diejenigen, die sogar ISDN-Karten einzubauen und zu konfigurieren wussten (Mac-User, um sie wenigstens einmal zu erwähnen, waren sowas wie „Götter“ im digitalen Olymp dieser Zeit und meistens in irgendwelchen Grafikagenturen zu finden).  Das sollte in etwa so lange währen, bis ein Herr Becker mit seinem legendären „Bin ich da schon drin oder was?“ das Internet volksfähig machte.

Auch hier war eigentlich wenig bis keine Überzeugungsarbeit nötig: die Vorteile von E-Mail wurden schnell erkannt und einige technische Fehlentwicklungen – wer braucht heute noch Fax? –  wurden in der digitalen Evolution schnell weggemendelt. Bis hier eigentlich alles ganz easy: ob in Caritas oder Jugendverbandsarbeit,  in Schule oder Beruf: der Siegeszug der „EDV“ war triumphal und hatte nicht ernsthaft mit Widerständen zu kämpfen: gut war, was nützt. Und fertig. Wenn überhaupt irgendjemand eine Idee davon hatte, was wir heute mit „digitaler Transformation“ meinen, dann war diese oder dieser wohl am ehesten in den nunmehr rauchfreien Seminarräumen oder im Silicon Valley zu finden.

Im 2. Teil geht es um das Mittelalter der EDV: Kein Mensch sprach von „digitaler Transformation“, aber viele ahnten es und auch deshalb brauchte es eine gute Argumentationsstrategie.

Der dritte und letzte Teil der Serie erklärt, dass es ohne Digitalisierung keine Zukunft gibt.

Martin FuchsDer Autor ist Pressesprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation der BBT-Gruppe.

2 Comments

  1. … für den „digitalen Urknall“ bin ich wohl noch ein bisschen jung (Jg ’83), das Einwahlgeräusch eines Modems kenne ich aber 🙂

    Ist der Siegeszug der EDV eigentlich wirklich so ‚reibungslos‘ gelaufen, wie es hier dargestellt wird? Ich persönlich könnte es ja nachvollziehen — Ich nutze ja heute alles, was mir Spaß und das Leben einfacher macht.

    Ich hatte da aber auch anderes gehört: Geschichten aus der Gewerkschafter-Ecke, die damals sahen, was heute Realität ist; Entgrenzung, Kontrolle, Überforderung, Burn Out und Resignation (etwa in dieser Reihenfolge). Eine rein akademische Diskussionen jedenfalls wird das nicht gewesen sein.

    Vielleicht können die älteren Semester an dieser Stelle für Erhellung sorgen?!

    Hannes

    1. Lieber Hannes,
      es ist richtig: es war nicht nur eine akademische Diskussion (immerhin haben wir ja auch fleissig gegen die Volkszählung gestritten bzw. Methoden propagiert, wie diese Fragebögen sich gegen jede automatisierte Auswertung entziehen lassen 😉 ). Meine Perspektive war eher vom heutigen Ergebnis aus gedacht: auch heute gibt es viele Menschen (quer durch alle Altersklassen), die mit gutem Grund ihre Daten zum persönlichen Hohheitsgebiet erklärt haben und schützen. Fakt ist aber auch, dass ca. 50 Mio. Menschen in D kein Problem damit haben, z. B. auf facebook Teile ihres Lebens öffentlich zu machen. – In diesem Sinne Bedarf es natürlich immer einer kritischen Begleitung – sei es durch den Gesetzgeber (vergleiche z. B. die aktuelle Diskussion um Hass-Postings), sei es durch betriebliche Regelungen (z. B. zur Vermeidung einer 24/24 Stunden Erreichbarkeit für Mitarbeitende) oder durch Angebote zur Förderung der Medienkompetenz. All das ändert aus meiner Sicht aber nichts daran, dass der Prozess der „Digitalen Transformation“ der „Entwicklungsmotor“ der heutigen Zeit schlechthin ist. Im Guten (z. B. in vielen Ländern, wo diese Technologien Menschen Zugänge zu Bildung und Entwicklung erst ermöglichen) oder im Schlechten (z. B. wo diese Technologien Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens immer weiter eingrenzen). Hier eine Balance zu finden, mitzugestalten und auch Anwaltsfunktionen zu übernehmen, ist gerade für uns in der ‚Cartitas‘ eine zentrale Aufgabe. – Ich bin gespannt, was die anderen „älteren Semester“ dazu meinen ;-)!
      Martin (Jg. 62).

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