Sozial muss digital werden

„Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie sind.” Wenn die alte Sozialarbeitsweisheit heute noch gilt, ist es höchste Zeit, dass wir uns aufmachen ins „Neuland“ – irgendwo zwischen Foren, Chats und Apps.

Prof. Andreas Dieckmann von der ETH Zürich warnt davor, dass die Geisteswissenschaften die Digitalisierung verschlafen. In einem bemerkenswerten Beitrag in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „Die Gesellschaft der Daten“ fordert er, die Digitalisierung nicht alleine den Informatikern zu überlassen. Für ihn ist klar: Es stehen viele bereit, die diese Lücke gerne ausfüllen würden. Das war auch mein Eindruck bei der Republica 2016. Die sozialen Themen unserer Zeit sind gut vertreten, allerdings überwiegend ohne deren Hauptakteure.

Wir haben eine digitale Verantwortung

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Wer digital nicht fit ist, verliert den Anschluss

Es geht aber nicht nur um die zielgruppengerechte Ansprache im Internet. Wir müssen uns dafür einzusetzen, dass Menschen nicht abgehängt werden und in der digitalen Kluft versinken. Das gilt für die, die bislang noch wenig online aktiv sind. Die Ausbildung einer Medienkompetenz ist aber auch bei denen wichtig, die „irgendwie“ im Netz zurechtkommen, aber nie gelernt haben, wie man recherchiert, sich im Web einbringt oder wo und wie man sich schützen sollte.

Eine Studie in Österreich hat gerade gezeigt, dass Kinder mit geringer formaler Bildung deutlich ungeübter im nutzbringenden Einsatz von sozialen Medien sind als Gleichaltrige mit höheren Schulabschlüssen. Nichts tun, die Digitalisierung einfach ihren Lauf nehmen lassen, führt zu nichts. Oder besser: es führt dazu, dass der Markt alles regelt. Welche Auswirkungen das haben kann, ist in „Die armen Kinder vom Silicon Valley“ nachzulesen.

Was also tun, wenn wir es in der sozialen Arbeit nicht so weit kommen lassen wollen? Schnell fällt das Stichwort: Wir brauchen eine Strategie zur digitalen Transformation. Ein großes Wort, wenn auch sicher nicht ganz falsch. Weil es um mehr geht, als die Technik in den Einrichtungen durchzuchecken oder überall WLAN und Tablets bereitzustellen.

Mit dem digitalen Wandel kommt ein kultureller Wandel. Die Art und Weise, wie wir zusammen arbeiten, verändert sich. Viele machten mit der Einführung der E-Mail vor einigen Jahren bereits so eine Erfahrung. Die Verantwortung Einzelner wächst. Es entstehen neue Netzwerke. Und mit den Social-Media-Aktivitäten und neuen digitalen Methoden potenziert sich dieser Stil.

logo_sozialcamp_1000x299BarCamp der Sozialen Arbeit – #sozialcamp

Wir als Diözesan-Caritasverbände in Nordrhein-Westfalen wollen das Thema voranbringen und haben uns für ein Veranstaltungsformat entschieden, das ursprünglich aus dem Silicon Valley kommt, um Entwicklungen und Innovationen zu diskutieren und zu integrieren. Das Barcamp Soziale Arbeit
greift eine Kultur auf, die im Netz gelebt wird. Für die Teilnehmenden ist es gleichzeitig die Chance sich selbst an die Kultur und die Medien heranzutasten und sich in deren Nutzung gegenseitig zu unterstützen.

Barcamp-Planung bei der Digital-Werkstatt

Barcamp-Planung bei der Digital-Werkstatt 2015

Bei Barcamps gibt es keinen Keynotespeaker und niemand, der Grußworte spricht. Jede(r) bringt sich selbst und seine Anliegen ein – egal, ob das jemand von der Straße, ein Wissenschaftler, ein Ehrenamtlicher oder ein Praktiker ist.

Menschen, die an Barcamps teilgenommen haben, sind begeistert wie viel Neues durch diese Form entsteht, wie viele Kontakte und Vernetzung, aber auch wie viele Innovationen, wie viel neues Engagement und wie viel Fortschritt. Robert Schedding hat das im Rückblick auf die Digital-Werkstatt der Caritas so formuliert: „Gern hätte ich mich mindestens gevierteilt, um den interessantesten Kleingruppen beizuwohnen.“ 

In der Sessionplanung, zu der jede(r) seinen und ihren Beitrag leisten kann, gibt es einen Überblick über die bisherigen Themen. Ich finde, es fehlen noch einige, zum Beispiel „Soziale Arbeit – quo vadis“ und ethische Fragestellungen.

Der Teilnehmer(innen)kreis, der sich bis jetzt angemeldet hat, ist beeindruckend. Und ich bin sicher, dass von diesem ersten BarCamp der sozialen Arbeit – #Sozialcamp (Veranstaltungsinfos herunterladen) wichtige Impulse für die internetgestützte Sorge um den Nächsten ausgehen werden.

Zur Autorin:
Sabine Depew ist Bereichsleiterin „Kinder, Jugend und Familie” im Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln. Über digitale Entwicklungen schreibt sie in ihrem Blog Zeitzuteilen

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