So wird die digitale Transformation zum Gewinn für alle

Wie lässt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Zeiten der Digitalisierung stärken? Für die Caritas wird das nur gelingen, wenn auch Benachteiligte gefördert und digital fit gemacht werden.  Dieser Text dokumentiert das Statement von Dr. Thomas Becker, Abteilungsleiter Sozialpolitik und Medien im Deutschen Caritasverband, beim Katholischen Medienkongress 2017. 

Die digitale Transformation darf niemand ausschließen.

„Die Digitalisierung führt in allen Lebensbereichen zu tiefgreifenden Veränderungen; den großen – ungleich verteilten – Chancen der Digitalisierung stehen Risiken sozialer Spaltung gegenüber, die frühzeitig erkannt und begrenzt werden müssen. Digitale Teilhabe wird elementare Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Die digitale Transformation erfordert Anpassungsleistungen in allen Lebensbereichen; sie kann nur gelingen, wenn die Richtung der Entwicklungsdynamik als gestaltbar erlebt und unterschiedliche Geschwindigkeiten nicht zu uneinholbaren Vorsprüngen kleiner digitaler Eliten führen.“ Dieses Zitat aus der gemeinsamen Absichtserklärung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege aus dem September 2017 (dokumentiert bei der BAGFW) trägt die Handschrift der Caritas als des federführenden Verbandes und reflektiert unsere Erfahrungen: Die Digitalisierung erfasst unsere Gesellschaft an allen Ecken und Enden, es gibt neue Gewinner und Verlierer (nicht nur, aber auch entlang der Grenze „Onliner“ versus „Offliner“); um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Digitalisierung zu stärken, sind die Verbände der freien Wohlfahrtspflege, sind die Kirchen vielfältig gefordert.

Probleme und Forderungen für Menschen ohne Zugang zum Netz

Drei soziodemographische Faktoren lassen sich identifizieren, die wesentlich darüber entscheiden, ob  Menschen niedrige digitale Kompetenzen haben oder zu den „Offlinern“ gehören:

  1. Geringes Haushaltseinkommen,
  2. Niedriger Bildungsabschluss,
  3. Höheres Alter

und anzunehmen: Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Im Sinne der Teilhabegerechtigkeit muss  vorrangig alles versucht werden, dass alle Menschen Zugang zu und Nutzungskompetenz in den digitalisierten Produkten und Dienstleistungen bekommen (vgl. dazu zum Beispiel  Handreichung der  Deutschen Bischofskonferenz Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit /DBK Arbeitshilfen Nr. 288).

Wenn, wo und solange dies nicht möglich ist, muss für Menschen mit niedriger digitaler Kompetenz die Ausgrenzung aus ganzen Lebensbereichen verhindert werden. So schließt zum Beispiel das Online-Banking und die angezielte bargeldfreie Gesellschaft Menschen aus, die mit den elektronischen Verfahren nicht umgehen können. Teilhabegerechtigkeit heißt hier: Es muss weiterhin von Menschen besetzte Schalter bei Banken, der Bahn und auf Ämtern geben oder mindestens humanoide Hilfen über einfache Sprachsteuerung wie „Siri“, „Cortona“. Wo der Kontakt zu einer staatlichen Stelle eine rechtliche Relevanz bekommt (zum Beispiel persönliche Meldung, Vorlage von Dokumenten, …), muss eine nicht-digitale Alternative zur Verfügung stehen. Der digitale Zugang muss in diesen Fällen barrierefrei, selbsterklärend, risikofrei (zum Beispiel nochmalige Absichtsabfragen vor Buchungen mit Konsequenzen) und kostenlos ermöglicht werden.

Probleme und Forderungen für benachteiligte Menschen im Netz

Probleme des Netzes selbst

  • Viele Regionen sind immer noch digital abgehängt. Das Datennetz muss als ein Teil der Daseinsvorsorge verstanden werden und sollte deshalb flächendeckend ausgebaut und stärker unter staatlicher Kontrolle und Schutz stehen als bisher (analog den Wasser- oder Stromnetzen). Auch die Gebührenfrage hängt damit zusammen (zum Beispiel Ermäßigung für bestimmte Personengruppen).
  • Das Grundprinzip eines demokratischen und innovationsfreundlichen Netzes ist die Netzneutralität, die unbedingt zu schützen ist. Zero-Rating-Angebote (Praxis eines Providers, der im Rahmen eines Tarifs den Datenverkehr bestimmter Dienste wie etwa Spotify nicht auf das inkludierte Datenvolumen anrechnet) müssen kritisch unter die Lupe genommen werden. Ein „Zwei-Klassen-Netz“ muss verhindert werden.
  • Persönliche Daten und Nutzungsverhalten werden in großem Stil kommerzialisiert. Immer mehr kostenlose Angebote im Netz sind verknüpft mit der Preisgabe von persönlichen Daten und dem Zulassen von Werbebotschaften. Deshalb muss der Datenschutz insbesondere im Blick auf Benachteiligte verstärkt werden.

Probleme im Netz

  • Die Debattenkultur im Netz hat sich stark verroht. Dem können alle, aber auch die Anbieter entgegentreten, um dem aufkeimenden Hass im Netz demokratisch und strafrechtlich entgegenzutreten. Dies scheint derzeit wohl die drängendste Aufgabe, der sich auch die Caritas stellen muss. Mit der Aktion „Wählt Menschlichkeit“ zur Bundestagswahl 2017 und einem Video zu den Zukunftsperspektiven von Geflüchteten in Deutschland im Herbst 2015 haben wir erste – zum Teil sehr anstrengende – Erfahrungen gesammelt.
  • Fake News, Halbwahrheiten und politische Beeinflussung durch persönliche Diffamierung von Personen des öffentlichen Lebens grassieren. Deshalb müssen die öffentlich-rechtlichen Medien erhalten bleiben, um ein Korrektiv gegenüber „Netz-Verschmutzern“ zu bilden. Aber auch sie werden sich von althergebrachten Formaten hin zur Informationsvermittlung im Netz neu aufstellen müssen.
  • Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit mit Freiheiten und Grenzen müssen auch im Internet gelten. Der Schutz privater Daten und das Recht auf öffentliche Informationen im Netz -gehören zwingend dazu. Die digitale Dimension der Grundrechte muss weiter diskutiert und ausgebaut werden. Die digitale Informationsfreiheit sollte ebenso Teil des Grundgesetzes werden wie der Datenschutz.
  • Es braucht mehr Sicherheitsstufen, um vor Neppern, Schleppern, Bauernfängerei zu schützen, zum Beispiel bei Buchungen über das Internet.

Probleme beim Zugang und im Umgang mit dem Netz

  • Der materielle Zugang zu Digitaltechnologien muss auch für Benachteiligte problemlos möglich sein. In den Grundsicherungsleistungen muss genügend für Anschaffung (hier ist zu wenig enthalten) und Nutzungsgebühren vorgesehen sein (Smartphone und Computer, inkl. der monatlichen Gebühren), insbesondere bei Leistungen für Asylbewerber.
  • Auch Niedrigeinkommensbezieher außerhalb der Grundsicherung können sich oft die digitale Kommunikation nicht leisten. Die Kosten für mobiles Internet muss auch für sie erschwinglich sein: Hier ist Deutschland laut einer Studie des finnischen Telekommunikationsberaters Rewheel von 2015 im europäischen Vergleich auf dem vorletzten Platz. Nur in Ungarn muss man mehr für mobiles Internet bezahlen.
  • Der Zugang zum Netz allein reicht noch nicht. Es muss auch über Befähigung die Kompetenz geschult werden, sich dort zu bewegen. Benachteiligte müssen befähigt werden zur Erlernung von digitaler Medienkompetenz. Medienkompetenz muss Bestandteil der Schul-Curriculae werden.
  • Menschen mit geringem Einkommen können sich die teuren Datenverträge nicht leisten. Deshalb müssen in allen öffentlichen Einrichtungen und Plätzen kostenloses WLAN vorgehalten werden. Dies kann auch eine Forderung für die Träger der Caritas sein, in all ihren Einrichtungen das zu ermöglichen.
  • In Estland gibt es selbst im 20-Seelen-Dorf unter der Dorf-Linde eine WLAN-Verbindung, in Irland in allen öffentlichen Bussen. Die Netze und öffentliches WLAN im ländlichen Raum und dem öffentlichen Verkehr müssen ausgebaut werden.
  • Es muss zu allen relevanten Inhalten zur Bewältigung des Alltags auch eine digitale Version in „leichter Sprache“ erstellt werden, die den Ausschluss verhindert. Dies gilt auch für spezielle E-Learning-Angebote.
  • Die Smartphone-Suchtkrankheit wächst: Beratungsformen in Präventions- und Suchtberatung müssen stärker entwickelt und finanziert werden.

 Probleme durch die Digitalisierung

  • Es spricht vieles dafür, dass das Risiko der Arbeitslosigkeit sich sehr unterschiedlich konkretisieren wird, je nachdem ob man in einem IT-affinen oder IT-aversen Betrieb arbeitet. Es ist anzunehmen, dass die Einkommensverteilung (und damit die Verteilung von Armutsrisiken) mit Eigenschaften korrelieren wird, die mit der Betroffenheit durch die Digitalisierung zusammenhängen. Wir werden künftig besonders über Armutsrisiken für Menschen in Gegenden ohne Breitbandausbau oder Menschen mit nicht digital beeinflussten Berufen sprechen.
  • Es kann auch sein, dass Gesundheitsrisiken mit spezifischer Beanspruchung durch das Netz zusammenhängen: ständige Erreichbarkeit via Smartphone könnte zu psychischen Belastungen führen, auch chronische körperliche Leiden können durch den Dauerumgang mit Tablets oder Laptops entstehen (Stichwort: „Mausarm“). Mögliche Strahlenprobleme sind bei Dauernutzung zu thematisieren.
  • Durch die „facebookisierung“ der Kommunikation wird die Vielfalt menschlichen Daseins eingeengt auf „Hates“ und „Likes“. Durch oft anonymisierte Kommunikation oder Blasenbildung in sozialen Medien kommt es immer wieder zur Verrohung der Ausdrucksformen. Auf der anderen Seite gibt es die unendlichen „Toll“, „Super“, „Schön“, „Möcht ich auch mal“-Antworten, auf die wir alle ja auch warten, wenn wir ein tolles Foto gepostet haben. Was ist mit den menschlichen Zwischentönen und existenziellen Erfahrungen wie Krankheit, Trauer, Tod. Da stoppt plötzlich der Stream der fliegenden Herzchen. Dafür gibt es keine Emoji, das als Antwort taugt.  Der Mensch ist mehr als Hate und Like. Eine Aufgabe für die Kirche und ihre Caritas, die Menschenfreundlichkeit zu erhalten.
  • Da die Algorithmisierung tief in alle Lebensbereiche hineinwirkt, müssen die Algorithmen soweit als möglich transparent gemacht werden. So dürfen wir uns nicht von der Idee leiten lassen, dass gesellschaftliche Probleme per se technisch zu lösen seien. Moralische Entscheidungen dürfen niemals an Maschinen delegiert werden – das muss gesetzlich klargestellt werden.

Herausforderungen für die Caritas

Wohlfahrtsverbände müssen sich im Angesicht der skizzierten Dynamiken und Herausforderungen als „#barmherzigeSamariter für digitale Nomaden“ (so Caritas-Vorstand Eva M. Welskop-Deffaa kürzlich im Debattenmagazin Civis Sonde, S. 44 ff.) neu bewähren,  oder – in den Worten der Absichtserklärung gesprochen, die schon eingangs zitiert wurde: „Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Digitalisierung zu stärken, sind die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege vielfältig gefordert. Sie müssen mit ihrer seismographischen Kompetenz gesellschaftliche Wirkungen der digitalen Transformation früh erkennen. Zugleich sind sie Akteure, die die digitale Transformation aktiv und am sozialen Ausgleich orientiert mitgestalten. Sie können die teilhabeorientierte Nutzung der digitalen Chancen fördern, gesellschaftliche Randgruppen einbinden und helfen, neue soziale Problemlagen, die durch „digital gaps“ entstehen, zu bewältigen. Dazu müssen sie in ihrer Arbeitsweise, ihren Angeboten und in ihren Strukturen die digitalen Möglichkeiten kompetent, dienstleistungsorientiert und sicher nutzen. Sie sind Initiatoren von zivilgesellschaftlichen Dialogen und für gesellschaftlichen Zusammenhalt in hybriden Sozialräumen.“
Für die Caritas ist diese Aufgabenbeschreibung Programm: Wir stehen am Anfang der Verabredung und Umsetzung unserer digitalen Agenda, die auf allen Ebenen des Verbandes und in allen unseren Aufgabenbereichen neue Aufmerksamkeit, neue Prozesse und neue Kompetenzen fordert.

 

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