Was ist Expertise in der Beratung und wie lässt sie sich messen?

Im Projekt „Lernende Systeme in der Beratung“ möchten wir Expertise im Caritasverband vernetzt zugänglich machen. Mit Expertise meinen wir den Wissensstand von Beratenden bezogen auf ihr Fachgebiet. Ein_e Expert_in zu sein bedeutet viel Fachwissen und Methodenkompetenz über die Jahre angehäuft zu haben. Oft bewundern wir Menschen für ihr Wissen und ihre Fähigkeit, vertrackte Probleme schnell und sehr akkurat lösen zu können. Das ist das, was wir unter Expertise verstehen.

Ein_e Expert_in ist laut Forschungsliteratur eine Person, die als solche von ihren Kolleg_innen gesehen wird, deren Problembeurteilungen akkurat und verlässlich sind und die, wie schwer das Problem für ihn oder sie selbst auch sein mag, wissen, was zu tun ist. Wir erkennen Expertise, wenn wir sie sehen und mitbekommen – doch wie ließe sich sie messen?

Ein paar Möglichkeiten sind offensichtlich:

  • Akademische Abschlüsse und Weiter-/Fortbildungen
  • Seniorität bzw. Jahre im Beruf
  • Einschätzung von Kolleg_innen
  • Formale Tests

Diese Möglichkeiten haben aber ihre Grenzen, wenn es um Expertise bei komplexen Fragestellungen aus der Beratung geht:

Das Wissen, um das es hier geht, z.B. wie gut kennt sich ein Berater mit der Anerkennung ausländischer Abschlüsse aus, kann man nicht erfassen, indem man den akademischen Abschluss der beratenden Person ansieht. Fortbildungen helfen sicherlich, um Wissen aufzubauen – Expertise ergibt sich aber erst in der Anwendung des Wissens in der konkreten Beratungssituation.

Angaben zu den Dienstjahrensind wiederrum sensible Daten, die auch nur bedingt etwas zu Expertise aussagen. Je nachdem, mit welchen Fällen Beratende konfrontiert waren, unterscheidet sich die Art der aufgebauten Expertise. Denn das macht Expertise aus: das Wissen ist eher fokussiert und detailliert als breit gefächert und überspannend.

Expertise messbar zu machen, greift immer auf Daten von Personen zurück, Daten von und über Expertinnen und Experten. Ein verantwortungsvoller Umgang damit ist daher besonders in sensiblen Bereichen wie der sozialen Arbeit wichtig.

Wir haben als Einstieg Statistiken gewählt, die sowieso schon erhoben werden. Statistiken zu Beratungsfällen, zu Anzahl und Art. Man kann sinnvollerweise daraus schließen, dass eine Person, die sich schon sehr oft mit der Bearbeitung von Anträgen zur Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse beschäftigt hat, Expertise darin entwickelt. Ihre Problemlösefähigkeiten werden schneller und besser.

Weil die Welt komplex ist und Beratende mit einer Vielzahl an Anfragen konfrontiert werden, bauen sie Expertise in vielen Subdomänen auf, nicht nur zur Anerkennung von Abschlüssen, sondern auch zu Arbeitserlaubnissen, Asylverfahren, Wohnungssuche und vielen weiteren möglichen Feldern. Und auch hier würde man danach schauen, wie viele Beratungsfälle man in der jeweiligen Subdomäne über einen bestimmten Zeitraum bearbeitet hat, und daraus auf die Erfahrungen der Beratenden schließen.

So entsteht langsam ein Expertiseprofil für alle Beratenden, die sich beteiligen möchten. Die Kernidee ist immer aus bestehenden Daten, die quantitativer Natur sind, qualitative Aussagen zu treffen. Außerdem sollten die Daten automatisiert in die spätere Anwendung eingezogen werden, ohne den Beratenden zusätzliche Arbeit zu machen.

Expertise oder ein Expertiseprofil in einer Organisation steht nicht für sich allein. Expertise entsteht auch in Abgrenzung und Anlehnung an kollegiales Wissen: Wenn ich mich auf Thema A spezialisiere, d.h. Kolleg*innen mit Fragen aus Thema A auf mich zukommen, kann sich mein Kollege auf Thema B spezialisieren – zusammen ergibt sich ein engmaschiges Wissensnetz aus Kolleg*innen über den ganzen Caritasverband verteilt. Und genau hier setzt das lernende System an: Ich kann in Berlin beraten und mein Kollege mit Expertise zu Thema B in Essen. Das lernende System, das wir gerade entwickeln, kann mir in Zukunft bei Fragen zu Thema B meinen Kollegen aus der Caritas in Essen vorschlagen, der mir weiterhelfen kann.

Je besser die Datenlage desto besser das System. Eine bessere Datenlage meint hier, dass sich möglichst viele Beratende ein Expertiseprofil anlegen. Wer nicht mit crea-client dokumentiert, kann auch über sich selbst die passenden Kategorien hinterlegen.


Machen Sie dabei mit, seien Sie mit Ihrer Expertise dabei und/oder geben Sie uns Rückmeldung! Das geht am einfachsten, indem Sie Mitglied in der Arbeitsgruppe „Lernende Systeme” im CariNet werden, die für alle CariNet-Nutzer_innen offen ist. Wer noch kein CariNet-Profil hat, kann sich unter lernende_systeme@caritas.de melden – wir legen Ihnen gern eines an!

Natürlich können Sie auch direkt Johannes Landstorfer (Johannes.Landstorfer@caritas.de) und Angela Berger (Angela.Berger@caritas.de) kontaktieren.

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