Caritas meets Social Media

Die Caritas will in den kommenden Jahren die Chancen der Digitalisierung nutzen. Damit dies gelingt, wird sich der Verband an einigen Stellen neu erfinden und seine Rolle in sozialen Medien definieren müssen. Vorschläge dazu erarbeitet derzeit eine Projektgruppe auf Bundesebene, deren Grundannahmen hier zur Diskussion stehen.

Der Einsatz sozialer Medien ist auf unterschiedlichen Ebenen der Caritas seit Jahren ein Thema. Neben dem Deutschen Caritasverband sind viele Träger und Verbände bei Facebook, Twitter, Youtube oder Google plus aktiv. Sie experimentieren und versuchen den Nutzen sozialer Medien für sich klar zu bekommen. Andere warten ab, denn die Auswirkungen der Digitalisierung im sozialen Sektor schlagen derzeit noch nicht massiv auf die tägliche Arbeit durch.[1]  Das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Davon sind die Trendforscher vom betterplace.lab in Berlin überzeugt. Sie empfehlen zivilgesellschaftlichen Organisationen, sich auf die Chancen und Herausforderungen sozialer Medien einzulassen, sonst drohe ihnen ein Bedeutungsverlust. Der Grund: „Für die so genannten Digital Natives ist das Internet eine Selbstverständlichkeit, mit der sie aufgewachsen sind. Sie teilen Inhalte, vernetzen sich und kollaborieren täglich und ohne Mühe. Und sie sind die Generation der zukünftigen Geldgeber, Unterstützer, Aktivisten und Ausführenden sozialer Arbeit in Deutschland.“[2]

Das Leitbild der Caritas dient auch in der digitalen Welt als Orientierung

Das Leitbild der Caritas dient auch in der digitalen Welt als Orientierung

Damit sind einige Bereiche benannt, in denen sich die Caritas künftig auch online stärker engagieren muss:

  • als sozialer Dienstleister: „Wir stehen für professionelle Hilfe – auch online“
  • als attraktiver Arbeitgeber: „Arbeiten bei der Caritas macht Sinn, Spaß und ist gut bezahlt“
  • als Plattform für Engagierte: „Mitmachen, spenden oder stiften – lasst uns die Welt gemeinsam besser machen“
  • als zivilgesellschaftlicher Akteur: „Wir gestalten das soziale Deutschland mit“
  • als Anwalt sozial Benachteiligter: „Wir kämpfen für gerechte Lebensbedingungen“

Diese Rollenzuschreibungen finden sich leicht abgewandelt bereits im Leitbild des Deutschen Caritasverbandes aus dem Jahr 1997. Jetzt gilt es, diese auch in einer digitalisierten Welt mit Leben zu füllen und sozusagen das Soziale in soziale Medien zu bringen. Die Caritas hat hier enormes Potenzial, das bislang nur in Teilen ausgeschöpft ist: Die Größe, Vielfalt und Vernetzung der bundesweiten Hilfsangebote, Einrichtungen und Verbände, die enorme Themenvielfalt und eine hohe fachliche Expertise. Darüber hinaus hat die Caritas eine hohe Markenbekanntheit und ist Teil kirchlicher und wohlfahrtsverbandlicher Netzwerke.

„Wir sind Caritas“ – auf die Mitarbeiter(innen) kommt es an

Entscheidend wird sein, dass sich die vielen ehrenamtlichen und beruflichen Mitarbeiter, die Kunden, Klienten und Spender künftig stärker als Botschafterinnen und Botschafter der Ideen und Anliegen des Verbandes verstehen.[3] Durch ihr Testimonial gestalten sie das Bild der Organisation in sozialen Medien nachhaltig, authentisch und glaubwürdig mit. Während bei Digital Natives die Verknüpfung zum Arbeitgeber ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer digitalen Identität ist, sehen ältere oder nicht webaffine Mitarbeiter(innen) darin oft keinen Mehrwert für sich.[4]

Wenn es um den Aufbau eines digital vernetzten „Wir sind Caritas“-Gefühl geht, sind auch die Entscheider(inne)n des Verbandes gefragt. Sie müssen die Mitarbeiter(innen) zu einem Einsatz in sozialen Medien motivieren, im Idealfall durch eigenes Engagement mit positivem Beispiel vorangehen. Sie müssen dafür sorgen, dass Transparenz und Dialogbereitschaft nicht nur in den Social Media Leitlinien des Deutschen Caritasverbandes stehen, sondern auch gelebt werden. Dazu braucht es unter anderem eine direkte und verbindliche (interne) Kommunikationsstruktur über alle verbandlichen Ebenen hinweg, um auf Anfragen, Beschwerden oder Ideen von außen fachlich, koordiniert und schnell reagieren zu können. Dies ist wichtig, da die Erwartungshaltung der Menschen mit der Verbandsrealität kollidiert: Die Caritas ist kein Konzern, sondern ein Zusammenschluss rechtlich eigenständiger Verbände und Träger.

Daraus ergeben sich viele Fragen für die Positionierung der Caritas in sozialen Medien:

  • In welchen Themenfeldern will sich die Caritas online stärker engagieren? (Personalgewinnung, freiwilliges Engagement, Lobbying und Kampagnen, Beratung, …)
  • Welche Zielgruppen sollen über welche Kanäle erreicht werden und von wem? (Rollendefinition in Bezug auf lokale, regionale, bundesweite Verantwortung einzelner Verbände, Einrichtungen und Dienste in sozialen Medien.)
  • Wie kann die Vielfalt der Caritas zu ihrer Stärke im sozialen Web werden? (Kampagnenfähigkeit steigern)
  • Braucht es einen einheitlichen Auftritt der Marke Caritas in sozialen Medien?
  • Wie kann ein Know-how-Transfer über alle Ebenen hinweg organisiert werden? (Schulungen, Austauschforen, …)
  • Wie kann sich die Caritas inhaltlich öffnen und dadurch anschlussfähig werden für Initiativen im sozialen Web?

Diese Fragen fordern den Verband heraus. Hinter ihnen verbirgt sich letztlich eine strategische Entscheidung, über digitale Medien verstärkt in den direkten Austausch mit anderen Menschen und Organisationen zu treten – also von den Zielgruppen und Themen her zu denken und die Verbandsstrukturen hinten an zu stellen. Dazu braucht es eine Weiterentwicklung und Öffnung der Organisation und ihrer Strukturen. Diese sollte auf der Erkenntnis basieren, dass soziale Medien nicht nur neue Kommunikationsmöglichkeiten bieten, sondern einen Kulturwandel erfordern. Während es früher hieß: „Tue Gutes und rede darüber“, zählt heute der Ansatz „Tue Gutes und lasse andere daran teilhaben“.


Ihre Meinung interessiert uns: Was denken Sie über das Engagement der Caritas in sozialen Medien? Jede Anregung ist hilfreich für die Überlegungen der Social Media-Projektgruppe im Deutschen Caritasverband.
Falls Sie dazu Fragen haben, stellen Sie sie hier über die Kommentarfunktion oder wenden Sie sich an Dorothée Quarz oder Marc Boos,
web@caritas.de


Anmerkungen

[1] Die Caritas als größter Wohlfahrtsverband Deutschlands tut sich an vielen Stellen schwer mit dem Einsatz sozialer Medien. Das liegt neben fehlenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen auch an Vorbehalten von Mitarbeiter(inne)n und Verantwortlichen. Der problematische Datenschutz, die unsicheren Persönlichkeitsrechte oder die fast unvermeidbare Vermischung von Privatem und Dienstlichem werden als Gründe angeführt. Gleichzeitig haben bislang nur wenige Entscheider eigene Erfahrungen mit Facebook, Twitter und Co. gemacht. Eine fundierte Einschätzung der Relevanz sozialer Medien fällt ihnen schwer. Dazu schreibt Burkhard Gnärig: „Organisationen, die den Wandel ignorieren oder zu meiden suchen, werden die Möglichkeit verlieren ihn mitzugestalten. Wer aber den Wandel mitgestalten möchte, der muss bereit sein sich ständig selbst zu verändern.“ Zu diesem Schluss kommt Burkhard Gnärig vom Berlin Civil Society Centre in seinem Thesenpapier „Von Vorgestern nach Übermorgen“. Darin beschreibt er Herausforderungen, die sich aus der Digitalisierung für die Zukunft zivilgesellschaftlicher Organisationen ergeben. Seine Prognosen sind düster: „Die Strukturen und das Selbstverständnis etablierter zivilgesellschaftlicher Organisationen sind […] mehr auf Bewahrung ausgerichtet als auf Wandel. Hier wird es einer regelrechten Revolution bedürfen, um zur treibenden Kraft und nicht zum Opfer des Wandels zu werden.“ Quelle: Burkhard Gnärig, Von Vorgestern nach Übermorgen, 10 Thesen zur Zukunft von Amnesty, Greenpeace, Oxfam und Co. Download: http://www.berlin-civil-society-center.org/wp-content/uploads/12-12-17-Von-Vorgestern-nach-%C3%9Cbermorgenx.pdf

[3] Vgl. Social Media Leitlinien der Caritas, http://www.caritas.de/socialmediaguidelines

[4] Vgl. eine ähnliche Situationsanalyse auf  http://diakonisch.wordpress.com/2013/11/13/followerpower/, die Einschätzung von Robert Schedding dazu und der große Einsatz von jungen Mitarbeiter(innen) bei der Aktion www.caritaeter.de

2 Comments

  1. Sehr gut, weiter so, „think big“!

    Denken Sie bitte auch an RSS-Feeds, Crowdfoundation für Soziale-Projekte*, PayPal für Spenden … Skype-Online-Beratungen, soziale APPs** zu entwickeln, alternativ zu s/w-kopierten Kirchenblättern PDF und ePubs anzubieten, SMS Erinnerungen für Gottesdienste (etc), bloß keine Halbherzigkeiten über das man sich in der Szene lustig macht, „guck mal, jetzt wollen sie modern werden“).

    Aber das Wichtigste: nehmen Sie den Mitarbeitern die Angst vor Arbeitsplatzverlust oder Arbeits-Verdichtung durch Digitalisierung. Sonst wird das ein Waten durch einen Sumpf aus Vorurteilen und Bremsern.

    Viel Erfolg! 🙂

    * z.B. wie hier https://www.startnext.com/familienpraxis-bewusste-eltern
    ** z.B. für Hilfe und Ratsuchende, wie „Swapi“

    P.S.: wir gehen seit Jahren mit positivem Beispiel voran und nutzen erfogreich und unabhängig von der „Mutter-site“ Facebook, Twitter, flickr, RSS, QR-Code, CMS, etc.

    1. Danke für die vielen konkreten Anregungen! Jetzt haben Sie uns natürlich neugierig gemacht, wo Sie unabhängig von der „Mutter-Site“ vorangehen 😉

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