Wir brauchen eine sozial engagierte Community

Im Social Web zählen Menschen mehr als Organisationen. Für die Caritas ist das Chance und Problem zugleich.

Was gibt es Schöneres, als eine gute Reichweite und viele Interaktionen? Mit einem Posting auf der Facebook-Seite der Caritas Deutschland haben wir im März unsere Filterblase wieder einmal durchstochen: Unser Video mit „8 Tipps gegen rechte Hetze“ erreichte 592.250 Personen, die 17.150 Mal likten, teilten oder kommentierten. Nach der Erfahrung mit unserem Flüchtlingsvideo im Jahr 2015 waren wir Onliner gut vorbereitet auf das, was uns in den mehr als 2.000 Kommentaren erwartete. Professionell reagierten wir auf Anfeindungen gegen die Caritas, erklärten den Hintergrund und das Anliegen des Videos, verwiesen auf die Netiquette, ermahnten, löschten und blockierten User, die menschenverachtende Kommentare schrieben, … Nach anderthalb Wochen ebbte der Sturm ab.

Verbrannte Zeit oder wichtiges Signal?

In der Reflexion waren es vor allem die Kolleg(inn)en, die wir aus anderen Fachbereichen als Unterstützung für das Community Management am Wochenende hinzugezogen hatten, die uns die Gretchenfrage stellten: Warum arbeiten wir uns an Leuten ab, die kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung haben?

Ein Grund hierfür liegt in der dialogischen Ausrichtung, die die Caritas auf Bundesebene als Maßstab für ihre Online-Kommunikation formuliert hat. Debattieren statt publizieren, lautet das Credo. In einer Fortschreibung unseres Leitbildes haben wir fünf Kommunikationsprinzipien entwickelt. Sie geben uns Onlinern einen Rahmen für unser Handeln. Prinzip zwei lautet: „Wir antworten.” Und genau das tun wir auch bei Menschen, die mit ihren kruden und hetzerischen Aussagen bei uns aufschlagen. Nicht um sie zu bekehren – das wäre verlorene Liebesmühe – aber um Flagge zu zeigen gegen Hass und Ausgrenzung. Aus Rückmeldungen von Usern wissen wir, dass viele diese Signale und die dahinterliegende Haltung sehr positiv wahrnehmen.

Von der Organisation zur Bewegung

Klingt plausibel und gut, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich ein entscheidender Webfehler: Wir denken immer noch zu sehr von der Organisation her. Natürlich hat der Verband den Anspruch als „zivilgesellschaftlicher Akteur die Sozial- und Gesellschaftspolitik mitzugestalten“ und für ein „solidarisches Miteinander“ einzutreten. Das gelingt in der Kommunikation mit Politiker(inne)n und Journalist(inn)en bestens und basiert auf erprobten Konventionen und eingespielten Verfahren.

Doch in sozialen Medien gelten andere Spielregeln. Hier steht der Austausch von Menschen untereinander im Zentrum – nicht mit Organisationen. Bei Service-Anfragen spielt das keine Rolle, aber wenn es um Positionen geht, wird es schwierig: Wer ist denn „die Caritas“? Der Social-Media-Redakteur, der gerade Dienst hat? Der kann – aufgrund seiner Professionalität – grundlegende Werte des Verbandes gut vertreten, darf dabei aber bitte nicht allzu politisch werden – weil: Hoheitsgebiet des Vorstands. Oder sind es die Mitarbeitenden, die – wie es Hannes Jähnert im Deutschen Roten Kreuz ausprobiert und Hendrik Epe in seinem Blogbeitrag fordert, ermutigt und befähigt werden, in sozialen Medien zu agieren?

Aus meiner Sicht reicht das nicht. Wenn unsere gesellschaftspolitischen Ideen im Social Web Flügel bekommen sollen, müssen wir darüber hinausdenken. Aus der Organisation muss eine Bewegung werden. Vivian Pein hat dafür eine Lösung in ihrem Blogbeitrag zur Caritas-Digitalwerkstatt skizziert: Wir brauchen eine Community, die vom Caritas-Spirit getragen wird, nicht von der Organisation. Wir brauchen Menschen, die im Social Web für ein solidarisches Miteinander und eine gerechtere Welt eintreten. Nicht, weil sie ihr Gehalt von der Caritas beziehen oder dienstlich dazu verpflichtet werden, sondern weil sie „sozial engagiert“ sind. Gäbe es diese Community bereits, wäre das Fazit auf das oben beschriebene Posting definitiv anders ausgefallen. Denn dann hätte das Social-Media-Team der Caritas nicht weitgehend alleine gegen „rechtsdrehende Windmühlen” andiskutiert, sondern wie bei #ichbinhier viele Menschen, die für eine offene Gesellschaft einstehen.

PS: Die nächste Gelegenheit sich für Caritasideen im Web stark zu machen gibt es schon. Für das Community Management unserer Aktion „Wählt Menschlichkeit” zur Bundestagswahl 2017 suchen wir noch Unterstützung. Interessierte können sich hier informieren.

1 Comment

  1. Ich denke, es zeigt sich noch ein weiterer Webfehler bereits in der Überschrift. Wenn wir nicht mehr von der Organisation aus denken, dann brauchen ‚Wir‘ (als Caritas) auch keine Community. Ansonsten denken wir die Notwendigkeit einer Community im Bezug auf die Organisation (also die Caritas). Auch wenn ich viele Einschätzungen im Beitrag teile wird es einer Organisation, und der von ihr beschäftigten Mitarbeitenden nicht möglich sein, nicht von der Organisation her zu denken.
    Was könnte das aber bedeuten: Eine Community aufzubauen, die die Werte und Einstellungen einer Organisation vertreten wird in einer Pluralen Gesellschaft nicht leicht. Wenn Meinungen/ Positionen unterstützt werden, dann können diese befürwortet oder abgelehnt werden. Wann gehört man dann aber zur Community? Nur bei Zustimmung?
    Vielleicht wäre der Gedanke am Schluss weiterzudenken? Vielleicht muss die Caritas entscheiden, bei welchen immer wieder neu entstehenden Communities sie sich, und jetzt als Organisation und durchaus als Führungsentscheidung, mit ihren Werten und ihren Ressourcen einbringen will. Da braucht es eine gute Beobachtungen der Entwicklungen und zeitnahe Entscheidungen. Soziale Bewegungen sind eben etwas anderes als soziale Organisationen. Mir fallen viele Beispiele ein, wie aus sozialen Bewegungen Organisationen wurden – aber umgekehrt?

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